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Endlich wieder "unkeusch" in Wuppertal

KEUSCHHEITSLEGENDE – Ein Stück von Pina Bausch
Wuppertal, 24.05.2006

Die "KEUSCHHEITSLEGENDE" – Ein Stück von Pina Bausch wurde am Wochenende zum zweiten Mal wiederaufgeführt. Dieses Mal überraschenderweise im Schauspielhaus anstatt im Opernhaus. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ein Kenner der früheren Aufführungen vermisst schmerzlich die "alten" Mitglieder des Ensembles. Es fehlen so klangvolle Namen, wie Lutz Förster, Dominique Mercy, Jan Minarik, Beatrice Libonati, Josephin Ann Endicott u.v.a. Man muss sich erst mal daran gewöhnen, dass "die Neuen" die Rollen spielen. Im großen und ganzen tut das dem Tanzabend keinen Abbruch. Aber man hatte sich an die bekannten Gesichter gewöhnt.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Der Bühnenboden ist ein erstarrtes Meer. Blaue Wellen gemalt auf einer Folie. Plüschsessel, Sofas und Canapés auf Rollen in quietschbunten Farben stehen verstreut herum und lassen sich hin- und herfahren. Irgendwann krabbeln Krokodile auf den starren Wellen herum und werden mit rohem Fleisch gefüttert.
Die Tänzer und Tänzerinnen räkeln sich auf den Sofas oder springen vergnügt auf den Sesseln herum. Sie tragen passend zu dem Interieur bunte Kleider.
Gott sei dank, Mechthild Grossmann ist wieder mit dabei. Die Frau mit der tiefen Reibeisenstimme, die lyrische Texte aufsagen kann, dass sie einem vorkommen wie obszöne Gossensprüche. Sie ist diejenige, die diesen Abend besonders gestaltet. Sie fordert die anderen Tänzer und Tänzerinnen auf sich gegenseitig zu berühren und immer wieder neue Liebesstellungen zu finden. Sie animiert zu Spielen, Spielchen und zu Nachdenklichem.

Pina Bauschs Stück fragt nach unserer antrainierten Keuschheit. War man als Kind noch neugierig, darf man aus Anstand und angelernten guten Manieren als Erwachsener nicht mehr nach den Dingen des Lebens forschen? Oder nur hinter vorgehaltener Hand über so manche Dinge sprechen? Pina Bausch macht deutlich, wie wir gelernt haben uns zu verstecken, anstatt über Liebe und Berührungen, über sexuelle Normen und deren Überschreitungen, über anerzogene Ängste, über Gefallen und Nichtgefallen, über Anstand und gesellschaftlichen Zwängen zu sprechen. Und das ist immer noch aktuell und mitreißend, auch wenn dieses Stück schon im Dezember 1979 im Opernhaus Wuppertal uraufgeführt wurde.
In dem Programmheft von 1979 sind die Ansätze, Fragen und Themenannäherungen von Pina Bausch zu lesen, die ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten will, da sie so ausführlich und gut beschreiben, aus welchem Stoff das Stück gemacht wurde. Aufgeschrieben hat sie der damalige Redakteur Raimund Hoghe. Ein Probentagebuch. Schade, dass nicht immer ein solches Tagebuch in den Programmheften zu den Bausch-Stücken zu lesen ist.

Ich zitiere also: Pina Bausch fragt in den Proben...
Frühling, was ist das? Welche Gefühle hat man da? Was fällt Euch zu Frühling ein? Oder Walzer? Was bedeutet das? Was löst dieses Wort bei einem aus? Und Keuschheit. Was heißt das: keusch sein? Wie sieht Unkeuschheit aus? Welche Spazierposen gibt es? Wie sind die Haltungen von Verliebten: Hand in Hand, Hand auf Po des Partners. Aufforderung: "Geht einmal wie ein Schnellgeher geht". Zärtlichkeiten werden zu Bedrohungen, Annäherung löst Abwehrreaktion aus. Alltägliche Gebrauchsgegenstände werden Kampfinstrumente. Man sagt: "Von Dir muss man Abstand halten". Verletzbare Stellen am Körper: Herz, Hals, Bauch, Hoden, Penis, Brust. Geboxt, getreten, herausgerissen, abgeschnitten, verletzt. Die Form bewahren: Sich an Vorgegebenes halten. Nur nichts falsch machen. Nach Regeln leben. Rituale beim Essen, Rituale in der Liebe. Liebesstellungen einnehmen. Kleidungsstücke ablegen, aber die Scheu behalten. Sich entblößen und unerkannt wieder verschwinden. Sich zeigen und verstecken. Gefühle äußern, um sich gleich darauf erneut zu verbergen, weil man sich zu weit vorgewagt hat. Ein Kind reißt sein Hemd hoch und ruft: "Guck mal". Offen gucken – auf andere und sich selbst. "Das tut man nicht", hörte man als Kind. Man hat sich damit eingerichtet, aneinander vorbei zusehen.

Was zeigen die Tänzer und Tänzerinnen nach diesen Probenanweisung nun im Stück auf der Bühne?

Die Tänzer schauen unter die Röcke der Frauen. Männer verlieren Geld, suchen danach und schielen verstohlen unter die Röcke der Frauen. Eine Frau hockt sich hin und sagt: "Fertig". Eine Dame beschreibt Liebesstellungen und die Tänzer und Tänzerinnen versuchen diese einzunehmen. Ein Mann sagt: "Ich bin der liebe Onkel. Magst Du ein Bonbon?". Ein Mann wirft ein Messer immer wieder an eine Wand. Eine Frau macht Telefonsex. Vulgäre Sprüche werden aufgesagt. "Schmutzige" Lieder gesungen. Die Tänzer und Tänzerinnen zeigen ihre verletzlichsten Stellen. Ein Mann zeichnet mit Kreide auf dem Anzug eines anderen Mannes diese Stellen auf. Ein Tanz mit Bauchrollen wird gezeigt. Die Tänzerinnen gehen mit Männerposen (Greifen an die Hose) über die Bühne. Die Tänzer mit Frauengesten, wie Nagellacktrocknen oder Haare nach hinten werfen. Eine Frau sagt ins Publikum: "Darf ich heute bei Dir schlafen. Ich habe auch mein Kissen mitgebracht" und legt ihren Kopf in den Schoß eines Besuchers. Ein Mann balanciert eine Zigarette auf einem Finger. Und dann der grandiose Schluss des ersten Teils des Tanzabends der gleichzeitig auch wieder der Anfang des zweiten Teils ist: Alle tanzen gemeinsam. Dabei werden vorher doppelt und dreifach übergestreifte Kleidung ausgezogen und hoch in die Luft gewirbelt.

Im zweiten Teil des Abends schieben die Herren die Damen auf den Sesseln und Sofas über die Bühne. Die Damen lehnen sich zurück und genießen die Fahrt. Eine Frau sagt: "Kommen sie rein, kommen sie rein. Bei uns ist alles blitzblank..." Ein Mann zieht sich vor einem Spiegel aus und ölt seinen Körper ein. Eine Frau reißt sich ihren Pullover hoch und ruft: "Guck mal". Zum Schluss des Abends sitzen alle Tänzer und Tänzerinnen auf den Sesseln und im Sitzen wird noch getanzt, einen Schütteltanz. Kopf, Hände, Füße und Schultern werden abwechselnd geschüttelt. Und auch ein echter Pudel wird immer mal wieder über die Bühne geführt.

Keuschheitslegende ist eines der "frischesten" und komischsten Stücken von Pina Bausch. Gerade weil es unser aller Lust am Wiedersehen von vergrabenen Gefühlen so spielerisch umgeht.

Leider sind nur drei Tage für diese Wiederaufnahme im Schauspielhaus angesetzt worden und natürlich alle Termine ausverkauft gewesen. Man darf also gespannt auf die dritte Wiederaufführung hoffen, um dieses Stück mal wieder in Wuppertal sehen zu können.
Wer mehr über Pina Bausch und ihr Ensemble wissen möchte, lese im Internet nach:
www.pina-bausch.de Hier findet man auch den aktuellen Tourenplan. Denn Pina Bausch ist schon wieder in der ganzen Welt unterwegs.

Weiter Infos und Fotos:
http://www.pina-bausch.de/stuecke/keuschheitslegende.php