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Pina Bausch - Spiele voller Leichtigkeit

"ROUGH CUT" - Ein Stück von Pina Bausch

Tanztheater im Wuppertaler Schauspielhaus – 19.04.2005

Alles beim Alten? Atem beraubende Naturaufnahmen und eine Aufzählung der Mirwirkenden, sonst verrät das Programmheft nichts über Pina Bauschs neues Stück, welches im Wuppertaler Schauspielhaus am 15.04.2005 zur Uraufführung gelangte. Und es gibt keinen Titel zur Aufführung, der kommt dann wieder später. Vorab begnügt man sich mit der Titulierung "Tanzabend 1–2005–Ein Stück von Pina Bausch". Aber das sind die vielen Fans von Pina Bausch ja gewöhnt. Und man hofft dem Lande Korea ein Stück näher zu kommen, weil zu lesen ist, dass dies eine Coproduktion mit dem LG Arts Center und dem Goethe-Institut Seoul, Korea ist.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Und auch das kennen wir schon aus Pina Bauschs Stücken: Geschlechterspiele voller Leichtigkeit, Tänze voller Dynamik und Erotik, voller Traurigkeit und Zerstörungswut, gegen sich selbst und gegen das andere Geschlecht. Hier wird eine Melodie sprichwörtlich von einem zum anderen Mund übergeben und weiter gepfiffen, ein Baumstamm mit einem Beil bearbeitet, auf die Haare einer Frau gelegt und wieder weggerollt, Papierblumen verbrannt und Kleenextücher durch die Luft gewirbelt. Und dies alles wird von den Damen in farbenfrohen Kleidern und von den Herren in dunklen Anzügen sehr schick, vornehm und grazil gezeigt.

Eine riesige weiße Felswand (oder soll es Eis sein?) bildet den Bühnenhintergrund. Der Boden ist schwarz. Die Felswand wird mal von den Tänzern und Tänzerinnen begangen, bestiegen und erklommen, mal werden echte Bergsteiger sich abseilen und wieder aufsteigen. In vielen Stücken setzt Pina Bausch Akzente mit lebenden Tieren wie Hunde, Hühner und Tauben, aber auch Tiere aus Kunststoff hat man schon gesehen, so wie das "Nilpferd" in Arien oder Krokodile in "Keuschheitslegende". An diesem Abend steigen also echte Bersteiger des Deutschen Alpenverein, Sektion Elberfeld, in die weiße Felswand.

Die Musik ist wieder eine Mixtur aus koreanischen traditionellen Musikstilen, instrumentale Trommelstücke und elektronische Syntheziser-Rhytmen. In einem ruhigen Moment des Abends stimmt eine Tänzerin ein koreanisches Lied an.
Viele Soli werden in ihrer ganzen Vielfalt getanzt. Mal traurig, mal erhaben, mal selbstzerstörend, mal erotisch – immer aber in vollster Bausch-Tradition. Sehr bewegend!
Früher waren es Geschlechterkämpfe

Aus den früheren wilden und oftmals brutal anmutenden Geschlechterkämpfen sind heute Spiele voller Leichtigkeit geworden. Stühle werfen sich ein Mann und eine Frau zu, dies ist das gefährlichste Spiel des Abends. An diesem Abend werden sich die Tänzer und Tänzerinnen auch mal wieder verwöhnen dürfen. Die Herren tragen die Frauen. Frauen sind Spiel- und Lustobjekt zugleich. Die Männer zeigen sich gerne von ihrer besten Seite und wollen die Frauen beeindrucken, mit Akrobatik oder einschmeichelnden Worten. Eine Frau verlangt von einem Mann, ihr immer wieder zu sagen, wie schön er sie findet.
Nackte männliche Oberkörper, vornüber gebeugt, werden von Frauen mit aller Sorgfalt gewaschen. Ein Tänzer verwöhnt eine Frau mit Wein und küsst ihren Arm.
Überhaupt ist der Abend angenehm unterhaltsam. Es darf auch hin und wieder kräftig gelacht werden, wenn ein Tänzer von seinem Traum erzählt in dem er einen riesigen Teig knetete und dies veranschaulicht an einem Oberbett. "Aber eins hat ihm im Traum gefehlt", sagt er schließlich: "Die Hefe."

Im zweiten Teil des Abends, und auch das kennt man schon, tauchen vereinzelte Wiederholungen aus dem ersten Teil auf. Sie werden dann begleitet von Videofilmen, die auf der weißen Felsenwand gezeigt werden. Hohe Wellen rauschen heran, eine Blumenwiese, Neonreklamen. Menschen auf Rolltreppen mit Kameras und Handys beim Shoppen in einem koreanischen Einkaufszentrum.
Und jetzt sind wir in der Stadt. Betrieb, Enge, Vielfalt und Hektik. Gesellschaftskritik inbegriffen. Aus den Spielen der Tänzer und Tänzerinnen wird hektisches Treiben. Zum furiosen Ende hin Laufen sie immer wieder über die Bühne. Das Licht erlischt. Schon beim zweiten Auftritt erspäht man Frau Bausch zwischen ihren Tänzern und Tänzerinnen. Die Fans feiern ihre "Tanzgöttin" frenetisch. Standing Ovation – auch das ist bekannt. Alles beim Alten bei Pina Bausch – aber immer wieder wunderschön.

Die mitwirkenden Tänzer:
Regina Advento, Ruth Amarante, Rainer Behr, Andrey Berezin, Silvia Farias, Ditta Miranda Jasjfi, Na Young Kim, Daphnis Kokkinos, Melanie Maurin, Thusnelda Mercy, Pascal Merighi, Cristiana Morganti, Franko Schmidt, Michael Strecker, Fernando Suels, Kenji Takagi, Anna Wehsarg

Bühnenbild und Videos: Peter Pabst
Kostüme: Marion Cito
Musikalische Mitarbeit: Matthias Burkert und Andreas Eisenschneider
Mitarbeit: Robert Sturm, Marion Cito und Barbara Hampel

Weitere Aufführungstermine:
22., 23., 25. April um 19.30 Uhr und am 24. April um 18 Uhr
Karten Tel. (0202) 569 4444

Seit der Aufführung in Seoul hat das oben beschriebene Stück einen Namen
http://www.pina-bausch.de/de/stuecke/detail/show/rough-cut/

1Teil:
Ein Mann übergibt einem anderen Mann einen Pfeifton mit dem Mund, dieser nimmt den Ton auf und pfeift wieder eine Melodie/ Baumstamm halten und fallen lassen/ Baumstamm auf Haare einer Frau gelegt und mit den Haaren wegrollen/ ein Mann zupft Kleenex-Tücher aus einer Packung und wirft sie in die Luft/ ein Mann hackt mit Beil am Baumstamm/ Frauen sind Spielzeug und Objekt der Begierde/ hinlegen mit Gras in Schale/ auf Baumstamm sitzen/ sich selbst schlagen um Aufmerksamkeit zu erregen/ Papierblumen geschmückte Frau verbrennt nach und nach die Blumen und löscht Feuer im hingehaltenen Wassereimer/  Tänze gegen sich selbst und gegen den weißen Berg/ Mann klettert an Felswand/ traurige Tänze/ die Frau als Last wird bewegt/ Frau als Spielball/ Stühle werfen zwischen Mann und Frau/ Frau zieht sich an Haaren selbst von der Bühne/ Mann brennt Versen einer Frau an um sie zum gehen zu bewegen/ Kohlblätter über nackten Mann/ Frauen wedeln mit Kohlblättern sich Luft zu (wie Fächer)/ Mann küsst Kohl und beschneidet ihn lieb/ Frauen waschen Männern den Rücken, dazu klettern echte Bergsteiger die Felswand runter/ Männer und Frauen wischen Boden/ „Hallo“ und „Goodbye“ = Begrüßung und Verabschiedung von einer zur anderen Seite der Bühne/ „Viele Spiegel sind gut – keine sind noch besser“/ Tanz einer Frau = sie ist schön und lässt es sich von Mann immer wieder sagen bis es nervt/ Mann zupft wieder Kleenex wie Blätter/ Frauen mit Tüchern auf Kopf wandeln umher, um 2 Männer auf Holzbank die Akrobatik vorführen und stolz auf ihre Vorführung sind, sie zeigen was sie können, Frauen gehen hinterher

2ter Teil:
Blumenwiesen-Video auf Fels projiziert/ Mann steigt Fels hoch/ Bergsteiger klettern wieder Berg rauf/ Haare an Ästen einer Frau, der Mann trägt Ast vor Frau her/ Teigkneten mit Bettzeug „ich habe die Hefe vergessen“/ Bäume Video auf Felsen/ Wasservideo auf Felsen, Wellen schlagen an Land/ aus dem Geschlechterkampf ist ein Spielen geworden/ voll Lebensfreude beim Tanz/ Frau ist ein Taucher und wird von Mann über Bühne getragen, sie macht Schwimmbewegungen dazu/ Wiederholungen Bergsteiger am Fels, dazu Neonreklameartiger Film auf Felswand/ dünnes Tuch auf dem ein doppeltes Feuerwerk-Video läuft/ 1 Gruppentanz der Männer/ Film auf Fels = Menschen auf Rolltreppen mit Kameras und Handys beim Shopping/ Kieselsteine verstreuen und aufsammeln, vor einer Tänzerin und einem Tänzer, wie bei Cafe Müller/ 2 Männer ringen/ Frau schlägt Mann mit Kopf vor die Brust/ Mann verwöhnt Frau mit Wein und Küssen/ Weinglas zwischen Zehen einer Frau und sie geht auf Zehenspitzen ein paar Schritte/ Paare liegen auf dem Boden und wiegen sich hin und her/ Frauen fallen auf Männer/ Schnelldurchlauf? + Wiederholungen/ Laufen und Tanz/ furioses Lauf-Ende///

 


eingestellt am: 21.04.2005