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Die Reise nach Indien

Das neue Stück von Pina Bausch - Wuppertal, 20.05.2007

Das neue Stück von Pina Bausch wurde am 18.05.2007 im Schauspielhaus Wuppertal uraufgeführt. Einen "eigenen Titel" kann das Stück nicht aufweisen. Noch nicht. Als "Tanzabend 2007" ist das neue Stück angekündigt. Seinen endgültigen Titel muss es sich noch "verdienen". Das Stück "spielt" sich erst noch ein und wenn es dann seine Endgültigkeit bewiesen hat, wird ihm zur Krönung ein Name verliehen. Aber das kennt die Fangemeinde schon. Und das sich das Stück noch entwickeln wird, zeigt der zweite Teil: Er will noch nicht so ganz zusammenpassen. Aber davon später mehr.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Das Bühnenbild entwarf wieder Peter Pabst, mit dem Pina Bausch schon lange zusammenarbeitet. Der Hintergrund der Bühne bilden lange weiße Vorhänge. Im ersten Teil des Tanzabends ist der Bühnenboden schwarz. Er wird in der Pause durch einen weißen Belag ausgetauscht. Durch Ventilatoren werden die langen Tücher zum Wehen gebracht. Wie Wäsche auf der Leine wiegen sie sich im Wind. Die Musik setzt ein, der Tanzabend beginnt. Marion Cito, langjährige Kostümbildnerin des Ensembles, entwarf für die Damen lange knallbunte Abendkleider, die etwas ganz Feierliches, Elegantes ausstrahlen.
Eine frische junge Gruppe der Tanzcompagnie ist für diesen Abend zusammengesetzt worden. So erhält der Tanzabend von vornherein seine Dynamik und "Wildheit". Die vielen Solotänze sind in den Bewegungen sehr schnell, manchmal schon hektisch. Vielleicht ein Hinweis auf die indische Lebensart?
Und hier sind wir schon mittendrin in den Geschichten über und aus Indien. Die Tanzcompagnie war vor einiger Zeit den Einladungen mehrerer Goethe-Institute in Indien gefolgt und die Eindrücke und Erlebnisse dieser Reisen sind in Pina Bauschs neuem Stück zwar präsent, werden aber eher im zweiten Teil des Abends sichtbar.
In dem neuen Stück sucht man vergebens nach einer direkten Auseinandersetzung mit der indischen Kultur. Es wird zwar zitiert, aber nur vage. Ein miterlebbares Lebensgefühl wie in "Palermo, Palermo" – dem Italien-Stück oder "Nefés" – dem Türkei-Stück fehlt. Vielleicht wird es noch dahingehend wachsen. Den Anspruch, die indische Kultur in seiner Gesamtheit, mit Armut und Bevölkerungsdichte wiederzuspiegeln, ist von Pina Bausch wohl auch nicht gewollt. Auch auf traditionelle indische Musik wird gänzlich verzichtet. Getanzt wird zu ethnischen Sphärenklängen und jazzigen Tönen. Das alles tut dem Gesamteindruck des Tanzabends keinen Abbruch. Nur wer Anderes erwartet wird enttäuscht.

Und was ist nun von den Eindrücken der "Reise nach Indien" auf der Bühne zu sehen? Der traditionelle Wickelrock der Frauen, der Sari wird von Frauen und Männern vorgeführt. Mit immer neuen Wickeltechniken schreiten die Tänzerinnen und Tänzer diagonal über die Bühne und wickeln und legen Stoff in Falten. Ein Mann geht langsam, wie in Zeitlupe über die Bühne. Ein anderer Mann legt ihm Stöcke und Äste auf sein Haupt, seine Arme, Schultern und Hände. Diese werden dann balanciert. Eine Tänzerin spielt mit Papierschiffchen, welche mit Fäden an Ballons gebunden sind. Später lässt sie die Ballons mit samt der Schiffchen steigen. Ein Mann rollt an seinem Körper eine liegende Frau bis zur Brust hoch. Frauen werden getragen, manchmal reißt ein Mann sie an sich und stößt sie wieder fort. Männer seifen sich ein. Mit einer Nebelmaschine wird Dampf gemacht, dazu wäscht sich eine Frau. Immer wieder legen sich Frauen auf die Bühne zu einer Gruppe zusammen. Sie starren gelangweilt hin und her und kauen dabei. (Es erinnert an eine Gruppe wiederkäuender Kühe, die es bekanntlich viele in Indien gibt.) Männer schleifen sich gegenseitig in großen Kreisen über die Bühne. Ein Mann führt ein Paar blind herum. Das Paar hat Taschentücher vor dem Gesicht. Sie müssen dem Führenden vertrauen. Eine Tänzerin lässt sich von einem Mann durch einen Hula-Hup-Reifen küssen. Eine Frau springt über einen Stuhl in die Arme eines Tänzers. Ein Mann hüpft sich seine lockere Kleidung vom Leib. Später wird dieser Tänzer versuchen seine Kleidung wieder anzuziehen, welche aber von zwei anderen Tänzern immer wieder entrissen wird. Zur Pause wird ein Video von Wind durchwehtem Dschungel auf den weißen Vorhängen gezeigt. Ein Tänzer macht einen Vorhang immer wieder auf und zu.
Welche Überraschung in der Pause: Auf den Aufgängen zum Theater und in der Pausenhalle sitzen und liegen die Tänzerinnen in ihren Abendkleidern "wiederkäuend" herum.

Der zweite Teil des Abends nimmt einige Wiederholungen aus dem ersten Teil wieder auf. Auch das kennt man von Pina Bauchs Stücken. Und dann geht es rasant weiter: Ein Mann tanzt, zwei andere Männer fächeln ihm Wind zu. Ein großer Tisch wird von Tänzerinnen und Tänzern auf allen Vieren, alle hintereinander, über die Bühne geschoben. Über die Lautsprecher spricht ein Tänzer: " Pizza Pronto. Ihre Bestellung bitte!". Ein Mann schleckt an einem blauen Kunsteis, später nimmt ihm eine Frau das Eis weg. Frauen machen es sich bequem auf den Männerkörpern. Sie nutzen die Männer als Stühle und Sofas. Ein Brett auf zwei großen Bambusstämmen wird zum Bett. Ein Paar legt sich schlafen, der Mann bewegt das "Bett" langsam auf den Rollen hin und her. Die Solotänze zwischendurch erobern immer wieder den Bühnenboden. Die Tänzer winden sich auf dem Boden oder rollen übereinander her.

Die Männer tragen den traditionellen indischen Herrenrock, den Sarong. Frauen binden diese Tücher später den Herren um den Hals. Ein langes gelbes Band wird dem Publikum gereicht. Die Damen und Herren der ersten Reihe dürfen das Band halten. Eine Frau begrüßt einige Leute aus dem Publikum mit Handschlag. Zwei Frauen halten Feuerzeugflammen unter die nackten Füße eines Tänzers.

Aber auch etwas zum Lachen gibt es an diesem Abend, wenn auch nur sehr dezent. Zwei Frauen sitzen auf Stühlen. Ein Mann stellt sich zwischen die Beiden. Er legt beiden seine Arme um die Schultern. Die Damen stehen auf und der Herr hält sich an den Schultern fest. Erst jetzt sieht man, das die Damen größer sind als der Mann und dieser schwebt nun zwischen ihnen in der Luft. Eine Frau breitet ihr Kleid über einen Mann aus. Der Mann deckt sich damit zu. Ein Tänzer sitzt auf der Bühne und legt sich ein großes Kissen auf seine Beine. Er beugt sich nach vorne und bettet sein Haupt auf das Kissen. Eine Frau kommt hinzu und legt sich zu dem Mann. Alle Tänzerinnen breiten ihre langen Abendkleider aus und drehen sich immerzu im Kreis, bis sie umfallen. Eine Frau taucht ihren Kopf in einen Eimer Wasser. Ein Mann zieht sie wieder heraus. Und dann blitzt doch noch ein bisschen indische Kultur auf: Ein Tänzer sitzt im Schneidersitz auf den Schultern dreier Männer. Sein Gesicht ist blau angemalt und als Rüssel dient ein blauer Schlauch. Der Mann wird wie in einer festlichen Prozession getragen und ähnelt dem indischen Elefantengott. Auf die weißen Vorhänge wird ein Bollywood-Film-Plakat projeziert und dazu getanzt. Die indische Gasttänzerin Shantala Shivalingappa tanzt, ein Hauch von Tempeltanz versprühend. Ihre Beweglichkeit reicht bis in die letzte Fingerspitze.

Der zweite Teil des Abends scheint ein wenig zerrissen zu sein. Diese Unfertigkeit wird sich bestimmt noch geben. Alles in allem ein gefühlvoller Tanzabend, der auch einen Hauch Indien bereithält.

Zum Schluss folgt, was allen Fans bekannt ist: Stehende Ovationen und frenetischer Applaus für die wohl beeindruckenste Choreographin unserer Zeit.

Die weiteren Termine in Wuppertal:
22., 23., 25., 26. Mai 2007, 19.30 Uhr
20., 27. Und 28. Mai 2007, 18.00 Uhr

Weitere Infos und Fotos:
http://www.pina-bausch.de/de/stuecke/detail/show/bamboo-blues/

 

1ter Teil:
der traditionelle Sari (Wickelrock) wird von Frauen und Männern vorgeführt, immer wieder neue Wickeltechniken, dabei diagonal über die Bühne schreitend / Mann geht langsam über die Bühne, ein anderer Mann legt ihm Stöcke (Äste) auf Kopf, Schultern, Armen, Hände, die der Mann balanciert / viele Solotänze / indische Musik / Frau spielt mit Schiffchen, welche mit Fäden an Ballons gebunden sind, später lässt sie die Ballons mit samt der Schiffchen steigen / Frau wird von Mann an seinem Körper hoch gerollt / Frauen werden getragen, manchmal an Mann gerissen und wieder weggestoßen / Männer seifen sich ein / Dampf wird mit Nebelmaschine gemacht, Frau wäscht sich dabei, Männer halten machen mit einem Dampfstrahler Regen / Frauen legen sich hin, starren ins Publikum und kauen dabei (sieht aus wie eine Kuhherde die wiederkäut) / Männer schleifen sich im Kreis (hängen fest umklammert aneinander) / ein Mann führt Frau und Mann mit Taschentüchern vor den Gesichtern blind über die Bühne im schnellen Gang, später wird die Frau mit Taschentuch über die Bühne verfolgt / Frau lässt sich von Mann durch einen Hula-Hup-Reifen küssen / Frau springt über einen Stuhl in die Arme eines Mannes / Frau küsst Mann durch einen Lautsprecher verstärkt / Mann hüpft sich seine Kleidung vom Leib / Mann will seine Kleidung wieder anziehen, aber zwei andere Männer reißen ihm die Kleidung immer wieder fort / Frauen liegen in der Pause auch in der Pausenhalle und kauen / Video wird zur Pause auf den Vorhängen gezeigt, Mann macht einen weiteren weißen Vorhang immer wieder auf und zu /

2ter Teil:
viele Wiederholungen aus dem ersten Teil (chaotischer Teil ???) Bollywood-Gesichter-Dias auf den weißen Tüchern / Wind machen zwei Männer während ein Mann tanzt / auf allen Vieren schieben die Tänzer und Tänzerinnen einen großen Tisch über die Bühne, alle hintereinander, schieben mit den Schultern den vorderen nach vorn / über Lautsprecher ertönt eine Pizza-Auslieferungsfirma: „Ihre Bestellung bitte!“, Bestellung wird aufgenommen / Mann schleckt an einem blauen Kunsteis, später nimmt eine Frau das Eis ihm weg / Frauen machen es sich bequem auf den Männern, die Stühle oder Sofas spielen, Frauen turnen auf ihnen herum / ein Brett wird auf 2 große Bambusstämme gelegt, Mann und Frau liegen wie in einem Bett, der Mann lässt das Bett hin- und herfahren / Mann mit blau angemaltem Gesicht sitzt auf den Schultern dreier Tänzer im Schneidersitz, ein langer blauer Schlauch dient als Rüssel / eine Frau wird wie eine Statue herumgetragen / viele Tänze erobern den Bühnenboden / ein Videofilm läuft auf dem weißen Vorhang, dahinter tanzen alle auf dem Bühnenboden quer über die Bühne / Tücher (die Saris) werden von den Frauen um die Hälse der Männer gebunden, Männer tanzen mit den Tüchern / eine Inderin tanzt, viel Fingerbeweglichkeit, um sie herum fährt ein Tänzer auf Inlinern / immer wieder legen sie die Frauen hin und kauen / ein Band wird ins Publikum gereicht, die erste Reihe hält das Band, welches anschließen wieder eingerollt wird / eine Frau erzählt ihren Traum in dem sie putz und wäscht und saugt / eine Frau malt einen Punkt auf die Stirn eines Besuchers der ersten Reihe / eine Frau begrüßt einige Leute der ersten Reihe mit Handschlag / zwei Frauen sitzen auf Stühlen, ein Mann stellt sich zwischen ihnen und legt um beide seine Arme um die Schultern, dann stehen die Frauen auf und erst jetzt wird sichtbar das die Frauen viel größer sind, denn der Mann wird herausgetragen und hält sich an den Schultern der Frauen fest / eine Frau breitet ihr Kleid über einen Mann aus und er deckt sich damit zu / ein Mann nimmt ein Kissen, legt es sich auf seine Beine und legt seinen Kopf zum Schlafen darauf, eine Frau kommt und legt sich dazu / alle Frauen breiten ihre Kleider aus und drehen sich im Kreis, bis zum umfallen / Frau holt Wassereimer und taucht ihren Kopf hinein, Mann holt sie wieder heraus, sie geht hinaus und holt neuen Wassereimer /

 


eingestellt am: 25.05.2007