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Experiment gelungen! – oder nur Aufgewärmtes?

"Ein Stück von Pina Bausch", so der Hilfstitel laut Programmheft (Anm.d.Red. vom 1.10.2008.: der Titel "Sweet Mambo" wurde oben nachträglich hinzugefügt, nachdem der Titel bekannt wurde), feierte am 30.05.2008 seine Uraufführung. Noch ist es "jungfräulich" und hat keinen "richtigen" Namen. Den wird sich das neue Stück erst noch, nach einigen weiteren Aufführungen, verdienen. Pina Bausch gibt ihren Stücken immer erst einen Namen, wenn sie "eingespielt" sind. An den Werken wird noch nachträglich gearbeitet, das ist schon gang und gäbe bei dem Tanztheater Wuppertal.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Was? Das neue Stück soll ein Experiment sein? Es soll ein zweiter Teil ihres Tanzabends 2007 sein? So meine Eindrücke beim Lesen der Kritiken in der Tageszeitung. Ich bin enttäuscht. Hatte ich doch mit einem großen bewegenden Abend gerechnet, mit Wasserfall, einem Schiff oder Berieselung mit weißen Flocken wie in den Stücken "Ein Trauerspiel", "Das Stück mit dem Schiff" oder dem "Tanzabend 2 – Madrid". Ich bin erbost und wetter: "Fällt der großen Tanzdame nichts mehr anderes ein? Muss sie auf ihr eigenes Stück zurückgreifen. Das ist doch erst ein Jahr her."

Und tatsächlich, auf der Internetseite von Frau Bausch steht es und auch im Programmheft: "'Bamboo Blues' [das Stück von 2007, Anmerkung des Autors] und dieses Stück sind ein Versuch, zu sehen, wie mit unterschiedlichen Tänzern aber der gleichen Ausgangssituation zwei verschiedene Stücke entstehen können." Ach so, ja, dann ist das was anderes und doch wieder nicht und vielleicht nur in einigen Teilen. Aber ich muss mich eines Besseren belehren lassen. Es ist ein komplett neues und wunderschönes Stück Tanztheater geworden.
Und tatsächlich hat man nur das erprobte Bühnenbild von Peter Pabst von 2007 übernommen. Schwarzer Bühnenboden und riesige Tücher baumeln im Hintergrund von der Decke. Oft flattern, wehen und schaukeln sie im Wind. Gewaltige Windmaschinen treiben sie an. Ein Tuch wird später im Stück von der Seite aufgeblasen. Wie eine Seifenblase wabbert sie meterhoch auf der Bühne. Eine Tänzerin wird in der Blase tanzen und sich gegen den Luftstrom stemmen.
Marion Cito entwarf wieder die Kostüme. Herrlich bunte, sehr elegante Abendkleider. Da bleibt den Herren nur das Schwarz, aber auch sehr chic.
Anstelle der 16 Tänzerinnen und Tänzern bei BAMBOO BLUES spielen nur noch neun mit. Das sind: Regina Advento, Andrey Berezin, Daphnis Kokkinos, Nazareth Panadero, Helena Pikon, Julie Shanahan, Julie Anne Stanzak, Michael Strecker, Aida Vainieri. Sechs Frauen und drei Herren. Überraschender Weise wirkt dieser Kunstgriff umso intensiver und persönlicher. Man lernt die Tänzer und Tänzerinnen näher kennen. Sie stellen sich persönlich vor und erinnern das Publikum im Laufe des Abends immer wieder an ihre Namen. Teilweise flehen sie: "Mein Name spricht man REDSCHINA, nicht Regina" und "Mein Name ist Nazareth Panadero, Nazareth, bitte nicht vergessen!"
Die Darstellerinnen möchten wahrgenommen werden und tanzen oft ein Solo, jede auf ihre Art. Kein Wettkampf, eher ein Versuch etwas Bleibendes zu schaffen. Eine Innenschau jeder einzelnen Tänzerin. Die Männer kommen schlecht weg. Sie sind oft im Wege. Die Frauen stemmen sich gegen sie oder werden von ihnen festgehalten. Die Tänzer geben aber auch Halt und Stütze, oder erst den Anlass zum Tanzen. Einer Frau werden die Haare nach hinten gerissen und darauf kommt die Tänzerin in Bewegung. Eine Frau will von einem Mann an den Haaren gepackt und dann im Kreis geführt werden.
Ist der erste Teil des Abends noch heiter und ausgelassen, der zweite Teil wirkt dramatischer. Wiederholungen des ersten Teils verstärken den Eindruck noch.
Die Musikauswahl reicht von chilligen, melodiösen Liedchen bis zu stampfenden Techno-Instrumentalstücken. Sie stammt u.a. von Barry Adamson, Mina Agossi, René Aubry, Brian Eno, Jun Miyake, Portishead, Ryuichi Sakamoto, Nina Simone, Ian Simmonds und Tom Waits.
Auf den wehenden weißen Tüchern werden Filmausschnitte eines alten Films projiziert. Das Programmheft gibt Auskunft: "Der Blaufuchs", ein Film von 1938, schwarz-weiß, wird gezeigt. Aha! Aber leider kenne ich den Film nicht, so dass ich keine Bezüge zu dem dazu Getanzten ziehen kann. Aber schön anzusehen ist es auf jeden Fall, wenn sich die übergroßen Schauspieler in Großaufnahmen unterhalten und darunter die Tänzerinnen in ihren langen bunten Abendkleidern tanzen.
Dann folgt ein dramatischer Höhepunkt: Auf den Tüchern wird ein Film eines Unwetters gezeigt. Blitze zucken. Wolkengebräu. Aus den Lautsprechern dröhnen Donner und Hall. Eine Frau ruft: "Julie", und steigert ihre Hilferufe immer mehr zu Schreien. Julie, die Tänzerin Julie Shanahan, läuft auf die Stimme die aus der Wand zu kommen scheint zu, wird aber immer wieder von zwei Männern gepackt und nach hinten getragen. Die Frau läuft wieder los, als ob sie zu Hilfe kommen möchte und schafft es nicht, an den Männern vorbei oder hindurch zu gelangen. Diese Szene schafft Angst und Unruhe. Doch gleich danach "scheint wieder die "Sonne" und es wird fröhlicher getanzt.
Das Publikum schwimmt in einem Wechselbad der Gefühle. Die Welten der Pina Bausch schlagen in sekundenschnelle um, von der leichten Fröhlichkeit zu Bedrohlichem, von Witzig-Heiterem zu kleinen, verstörenden Brutalitäten und zurück.

Was sonst noch im Stück passiert:
Eine Frau lässt sich fallen und schüttet im Fallen einen Eimer Wasser über sich aus. Julie Shanahan sagt: "Ich habe die Augen von Papa, die Nase von Mama etc.
Die Tänzerin Nazareth Panadero erzählt lustige Kurzgeschichten: Sie kommt mit Gummihandschuhen auf die Bühne, streift sie halb über und fragt: Fies oder? Sie erzählt von ihrem Nachbarn, der sie eingeladen hat. Der Nachbar hat einen Papagei, der wollte sie nicht. Der Papagei schrie: "Raus, raus, raus." Sie sagt: "Ich bin doof aber gut." Sie erzählt: "Meine Oma hat meine Mutter im Wald gesucht und auch gefunden, aber zu spät. So bin ich zur Welt gekommen." Sie erwähnt im Vorübergehen: "Augenblick ich habe etwas im Backofen." Sie bemerkt: "Ich fühle mich so leer" und zeigt einen leeren Eimer und einen leeren Wasserkanister. Sie ruft: "Ich will die erste in der Küche sein. Es gibt Kartoffeln." Ein Mann drängelt sich vor, die Tänzerin beschwert sich: "Ich will die erste sein." Sie lacht laut ins Mikrofon. Sie rennt ins Publikum und sagt: "Ich bin nicht klein, ich bin nur weit, weit weg."
Eine Frau tanzt allein vor einer Wolkenblase, ein durch Wind aufgeblähtes Tuch. Die Männer drehen die Frauen an ihren ausgestreckten Armen wie Spieluhrfiguren. Ein Mann weht Wind unter das Kleid einer Tänzerin, darauf beginnt sie zu tanzen. Alle Männer und Frauen spielen in und mit den weißen Tüchern, wickeln sich ein, spielen Verstecken. Die Männer sitzen hinter den Tüchern, die Frauen setzen sich auf die Knie der Männer, wie auf Schaukeln und "wehen" im Wind, werden von den Männern hin- und hergewiegt. Die Frauen stehen hinter den Tüchern, sind nur schemenhaft zu sehen. Die Männer ertasten die Frauen ganz behutsam. Eine Frau wird von einem Mann getragen und auf ein großes Kissen fallen gelassen, welches ein anderer Mann trägt. Der Mann drückt die Frau samt Kissen wieder in die Luft. Ein Mann trägt eine Frau unter einem Tuch her. Das Tuch streift über ihren Körper. Eine Frau sitzt auf dem Schoß eines Mannes und stöhnt ins Mikrofon. Ein Kuss weckt eine Frau zum Tanz.
Eine andere Tänzerin erzählt die Geschichte von einem Mann, den sie getroffen hat. Der Mann sprach: "Come on, I talk to you. You want talk to me? I want talk to you." Eine Frau wird am Boden von 2 Männern im Liegen gedreht. Männer werden gerufen und führen aus, was die Frauen verlangen.

Im zweiten Teil:
Jetzt haben die Männer endlich auch ihre Solotänze. Es gibt zwei Gruppentänze. Bei einem Tanz stützen sich alle Männer und Frauen auf einer Hand. Sie wippen auf Füßen und auf einer Hand quer über die Bühne. Eine Frau will, dass ein Mann geht, sie stemmt sich gegen ihn, aber sie kann gegen den Mann nichts ausrichten, der wie ein Fels feststeht. Es werden einige Wiederholungen aus dem ersten Teil geboten: Julie rufen und Männer halten Frau auf. Frau lacht ins Mikrofon.
Dann wieder Neues: Die Männer reiben ihre Gesichter an den nackten Rücken der Frauen. Eine Frau tanzt, aber zwei Männer bedrängen sie mit einem Tisch, die Frau lässt sich immer wieder unter den Tisch fallen, steht wieder auf und tanzt weiter, das wird immer erdrückender, schneller und bedrohlicher. Eine Frau tanzt in der vom Wind geformten Tuchblase wie in einem Windkanal. Eine Frau rennt ins Publikum und will nicht mit dem Mann gehen, der sie vom Geländer wegreißen will. Eine Frau kegelt mit Kokosnüssen und Plastikbechern. Eine Frau kämpft mit einem Tänzer um die Schuhe der Frau.

Ein herrlicher Theaterabend, den man noch lange in Erinnerung halten wird. Dieses Stück beinhaltet wirklich alle Elemente des Tanztheaters der Pina Bausch. Ich empfehle es und schließe mich der Meinung einer meiner Kolleginnen an: Es ist ein Stück für Bausch-Fans genauso wie für Bausch-Anfänger. Ein Muss!
Der Schluss, und das ist ja schon Tradition: Die große Huldigung – stehende Ovationen für eine hervorragende Choreografin. Ein nicht enden wollender Applaus. Bravo, Frau Bausch!

Leider gibt es nur noch wenige Aufführungen des Stückes in Wuppertal. Das Ensembles wird man erst wieder im Herbst bei einem großen Tanzfestival in Deutschland zu sehen bekommen.

Die nächsten Aufführungen im Schauspielhaus Wuppertal: 6.-8. Juni 2008-06-05

Karten gibt es unter:
http://www.pina-bausch.de/karten.htm

Weitere Informationen zum Stück unter:
http://www.pina-bausch.de/de/stuecke/detail/show/sweet-mambo/

Hier findet man auch den aktuellen Tourenplan und Informationen zu allen Stücken.

 

1ter Teil:
nur Frauen haben ihre Solotänze / Tänzerinnen stellen sich vor: Ich heiße Redschina nicht Regina / Ich heiße Nazareth Panadero / Ich heiße Julie /vergessen sie mich nicht. Bei den Tänzen ist der Mann manchmal Stütze, manchmal bringt er die Tänzerin in Schwung / Frau lässt sich fallen und schüttet im Fallen einen Eimer Wasser über sich aus / es werden Filme auf den weißen Tüchern gezeigt, davor getanzt / Mann zieht Frau an den Haaren oder stößt sie an, draus macht sie ihre Tanzbewegung / Nazareth Panadero erzählt lustige Kurzgeschichten / Julie sagt: die Augen von Papa, die Nase von Mama etc. / Nazareth ruft wie um Hilfe nach Julie, aber 2 Männer hindert sie daran, dazu Blitze und Donner / Frau tanzt allein vor einer Wolkenblase, ein aufgeblähtes Tuch / Männer drehen Frauen an ihren ausgestreckten Armen wie Spieluhrfiguren / Mann weht Wind unter das Kleid einer Tänzerin und sie beginnt zu tanzen / alle spielen mit den weißen Tüchern, wickeln sich ein, spielen Verstecken / Männer sitzen hinter den Tüchern, Frauen setzen sich wie auf Schaukeln und „wehen“ im Wind / Frauen stehen hinter den Tüchern, sind nur schemenhaft zu sehen, Männer ertasten die Frauen ganz behutsam / Frau wird von einem Mann getragen und auf ein großes Kissen fallen gelassen, welches ein anderer Mann trägt, dann drückt der Mann mit dem Kissen die Frau wieder in die Luft / Mann trägt Frau unter einem Tuch her / eine Frau sitzt auf dem Schoß eines Mannes und stöhnt in Mikrofon / ein Kuss weckt Frau zum Tanz / Nazareth kommt mit Gummihandschuhen auf die Bühne, streift sie halb über und fragt: Fies oder? / Nazareth erzählt von ihrem Nachbarn der sie eingeladen hat. Der Nachbar hat einen Papagei, der wollte sie nicht. Der Papagei schrie: Raus, raus, raus. --- Für die Stimme ist Flüstern ganz schlimm. --- Ich bin doof aber gut. --- Meine Oma hat meine Mutter im Wald gesucht und auch gefunden, aber zu spät. So bin ich zur Welt gekommen. --- „Augenblick ich habe etwas im Backofen --- / Ich heiße Nazareth, Nazareth Panadero. Bitte nicht vergessen. --- Ich fühle mich so leer, sagt die Tänzerin und zeigt einen leeren Eimer und einen leeren Wasserkanister / Viele Frauen sagen ihren Namen und den soll das Publikum bitte nicht vergessen / Frau erzählt Geschichte von einem Mann den sie getroffen hat: Come on, I talk to you. You want talk to me? I want talk to you. / Frau will die erste in der Küche sein. Es gibt Kartoffeln. Ein Mann drängelt sich vor, die Frau ruft: „Ich will die erste sein. / Eine Frau wird am Boden von 2 Männern im Liegen gedreht. / Lautes Lachen ins Mikrofon / Männer werden gerufen und führen aus, was die Frauen verlangen.

2ter Teil:
Männer haben ihre Solis / es gibt 2 Gruppentänze, z. B. auf einer Hand gestützt über die Bühne / Frau will das ein Mann geht, stemmt sich gegen ihn, aber sie kann nichts ausrichten / einige Wiederholungen: Julie rufen und Männer halten Frau / Frau lacht ins Mikrofon / Männer reiben ihre Gesichter an den nackten Rücken der Frauen / Frau tanzt, aber 2 Männer bedrängen sie mit einem Tisch, die Frau lässt sich unter den Tisch fallen, steht wieder auf und tanzt weiter, das wird immer erdrückender und schneller für die Frau / Frau tanzt in der vom Wind geformten Tuchblase wie in einem Windkanal / Frau rennt ins Publikum und will nicht mit dem Mann gehen, der sie vom Geländer wegreißen will / Frau rennt ins Publikum uns sagt: Ich bin nicht klein, ich bin nur weit weg / Frau kegelt mit Kokosnüssen und Plastikbechern / Frau kämpft mit Mann um Schuhe, die sie nicht hergeben will /