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Die RAF auf großer Leinwand
oder: Die Geschichte des deutschen Terrors

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Der Baader Meinhof Komplex © 2008 Constantin Film Verleih Gmbh

Studentenaufstand, Wasserwerfer, der Schah in Deutschland und die quälende Geschichte der deutschen Terror-Organisation RAF, die Rote Armee Fraktion: Produzent Bernd Eichinger, der zusammen mit Stefan Aust das Drehbuch schrieb, bringt Uli Edels Film "DER BAADER MEINHOF KOMPLEX" ab morgen ins Kino.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaf

Über dreißig Jahre ist es her: Der Beginn des deutschen Terrors. Zu erst nur Studentenunruhen, Großkundgebungen eines Studentenführers Rudi Dutschke, der mit seinen Reden gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner und die damit verbundenen Verstrickungen der deutschen Politik schnell Anhänger findet. Eine Demonstration der deutschen Bevölkerung gegen Gewalt und Folter im Iran der 70er Jahre eskaliert. Die Ohnmacht der Polizei steigert sich in eine brutale Zerschlagung der Demonstration wobei ein Student, der nur zufällig dem Geschehen beiwohnte erschossen wird. Heute gilt dieser Vorfall als der Beginn der RAF.

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Die Verhaftung der Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) © 2008 Constantin Film Verleih Gmbh

Der Kurzinhalt des Films wird vom Verleih so beschrieben: "Deutschland in den 70ern. Die radikalisierten Kinder der Nazi-Generation, angeführt von Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der ehemaligen Starkolumnistin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) kämpfen gegen das, was sie als das neue Gesicht des Faschismus begreifen: die US-amerikanische Politik in Vietnam, im Nahen Osten und in der Dritten Welt, die von führenden Köpfen der deutschen Politik, Justiz und Industrie unterstützt wird. Die von Baader, Meinhof und Ensslin gegründete Rote Armee Fraktion hat der Bundesrepublik Deutschland den Krieg erklärt. Es gibt Tote und Verletzte, die Situation eskaliert, und die noch junge Demokratie wird in ihren Grundfesten erschüttert. Der Mann, der die Taten der Terroristen zwar nicht billigt, aber dennoch zu verstehen versucht, ist auch ihr Jäger: der Leiter des Bundeskriminalamts Horst Herold (Bruno Ganz). Obwohl er große Fahndungserfolge verbucht, ist er sich bewusst, dass die Polizei allein die Spirale der Gewalt nicht aufhalten kann."


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Studentenunruhen beim Schah-Besuch in Berlin 1967 © 2008 Constantin Film Verleih Gmbh


Es war eine Zeit des Aufbruchs und Umbruchs. Die sexuelle Revolution war in vollem Gange. Woodstock und Flower-Power. Die junge deutsche Demokratie, erwachsen aus dem zerbrochenen dritten Reich, aus Trümmern geboren, aus den Händen der Alliierten gnädig sich selbst überlassen worden, schnell die Schrecken des Krieges, der Kapitulation, der Hungerjahre vergessend, überraschendes Wirtschaftswunderland, schon wieder mitten drin, in den Verflechtungen internationaler Politik. Dieser Staat Deutschland wollte um keinen Preis Kritik an der führenden Machtspitze hinnehmen. Nach dem Motto "Uns geht es wieder gut, wir haben wieder eine Ordnung, macht schön alle mit" wurde Politik gemacht. Sogar wieder Weltpolitik. Kanzler Willy Brandt war noch eher bereit zu Gesprächen mit der Studentenbewegung, als der nachfolgende Kanzler Helmut Schmidt, so die Ansprachen der beiden Herren die im Film gezeigt und gehört werden.

Da wird hart durchgegriffen. Nach Terroranschlägen sah man sich gezwungen. Deutschlands Totalüberwachung war eine zeitlang die Folge. Hubschreiber kreisten über Deutschland. Straßensperren waren an der Tagesordnung. Kontrollen in öffentlichen Gebäuden und Fahndungsplakate der Terroristen wo man ging oder stand. Man fragt sich heute, wie Menschen in dieser Zeit überhaupt leben konnten, ohne ständig in Angst und Schrecken zu verfallen. Oder waren die Deutschen mal wieder die Weltmeister im Verdrängen, im Vergessen. Schwamm drüber und weiter gemacht? Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung wollte ihre Ruhe. Nur ihre Ruhe, Geld verdienen und leben.


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Entführung Hanns Martin Schleyers (Bernd Stegemann) © 2008 Constantin Film Verleih Gmbh


Die deutsche Zucht und Ordnung der älteren Generationen fruchtete aber nicht mehr und hielt dem Drängen der Jungen nicht mehr stand. Und das musste die Politik zu jener Zeit in aller Härte unterbinden und bestrafen. Auch dies zeigt der Film "DER BAADER MEINHOF KOMPLEX" deutlich. Wenn man nur mal den Versuch unternommen hätte eine Verständigung beider Seiten herbeizuführen... Vielleicht wäre einiges nicht so und nicht so brutal eskaliert, wie die Bomben-Anschläge auf das Axel-Springer-Gebäude und auf das Europahauptquartier der US-Armee oder die Entführung Martin Schleyers.

Der Film entstand nach dem gleichnamigen Buch und mit Beratung von dem Autor Stefan Aust, der lange Jahre Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "DER SPIEGEL" war. Sein Buch ist die Chronik des deutschen Terrors.
Das Buch ist kein Roman. Es gibt keine Geschichten und Erzählungen. Es ist ein Bericht nach Zeitdokumenten geschrieben. Bis ins kleinste recherchiert. Das Buch erscheint jetzt wieder in einer Neuauflage und ist um 150 Seiten ergänzt. Ergänzt mit Berichten über neu entdeckte Dokumente und Fotos.

Wie kann man nun einen Kinofilm aus diesem gewaltigen Informationsmaterial machen?

Der Film, schon zweieinhalb Stunden lang, schafft einen Überblick dieser Ereignisse der Jahre 1967 bis 1978, aber ein Gesamtwerk, wie das Buch will und kann er gar nicht sein. Man hätte einen achtstündigen Film oder gar eine Serie drehen müssen, um all das Material gebührenden zu präsentieren. Mit allen Verflechtungen der Vorgänge, der Menschen untereinander, aller politischen Gruppierungen und Entwicklungen.

Der Film, schon zweieinhalb Stunden lang, schafft einen Überblick dieser Ereignisse der Jahre 1967 bis 1978, aber ein Gesamtwerk, wie das Buch will und kann er gar nicht sein. Man hätte einen achtstündigen Film oder gar eine Serie drehen müssen, um all das Material gebührenden zu präsentieren. Mit allen Verflechtungen der Vorgänge, der Menschen untereinander, aller politischen Gruppierungen und Entwicklungen.

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Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) vor seiner Verhaftung © 2008 Constantin Film Verleih Gmbh

Der Film "DER BAADER MEINHOF KOMPLEX" unternimmt den Versuch und scheitert dort wo Erklärungen folgen müssten. Er ist Atem beraubend in Szene gesetzt, mitreißend, aufwühlend und dramatisch, ohne erhobenen Zeigefinger, weder in die eine noch in die andere Richtung. Er nimmt keine Stellung, zeigt nur die Vorgänge jener Zeit. Das ist beklemmend, aber eben nicht erklärend. Jüngere Zuschauer werden ihre Schwierigkeiten haben die damaligen Verhältnisse nachzuvollziehen. Man kann nur hoffen, dass dieser Film das Interesse an weiterführender Lektüre nach sich zieht.

Aus der Fülle an Informationen ist aber ein eindruckvolles Filmwerk entstanden, mit schauspielerischer Höchstqualität aller Beteiligten. Bis in die kleinsten Rollen. Die hochkarätige Besetzung lässt kaum Wünsche offen. Ulrike Meinhof, zurückhaltend verkörpert durch Martina Gedeck, Andreas Baader energisch und charismatisch gespielt von Moritz Bleibtreu und die eiskalte Gudrun Ensslin, gespielt von Johanna Wokalek brillieren in ihren Rollen. Weitere Darsteller u.a.: Nadja Uhl, Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Hannah Herzsprung, Tom Schilling, Heino Ferch, Bruno Ganz, Anna Thalbach, Jasmin Tabatabai, Michael Gwisdek, Daniel Lommatzsch und viele weitere Sprechrollen. 6300 Komparsen wurden für diesen Film benötigt.

Der Film DER BAADER MEINHOF KOMPLEX wird als deutscher Beitrag um den Auslands-Oscar ins Rennen gehen und läuft am Donnerstag, den 25.09.2008 in Deutschland an. Weitere Infos gibt es auf der offiziellen Web-Seite:

Die Filmhomepage DER BAADER MEINHOF KOMPLEX