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Die Perlmutterfarbe – ein Heimatfilm aus Bayern

Eine Geschichte über Freundschaft, Lüge und Wahrheit, so der Untertitel des Films DIE PERLMUTTERFARBE von Regisseur Marcus H. Rosenmüller, wird im Januar 2009 in den Kinos zu sehen sein. Nach SCHWERE JUNGS und dem Kinoerfolg WER FRÜHER STIRBT, IST LÄNGER TOT kommt nun wieder ein Film aus Bayern und spielend in Bayern in die deutschen Lichtspielhäuser. Ein Heimatfilm, der 1931 kurz vor der Machtübernahme der Nazis spielt..

Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Hauptakteure sind Buben und Mädels aus einer bayerischen Kleinstadt. Der Siebtklässler Alexander (Markus Krojer) würde so gern den großen Malwettbewerb seiner Schule gewinnen, um seiner Mitschülerin Lotte (Zoë Mannhardt) zu imponieren, in die er verliebt ist. Nach Schulschluss verbringt Alexander seine Zeit am liebsten mit ein paar Klassenkameraden, zu denen neben Lotte auch sein bester Freund und Klassentüftler Maulwurf (Dominik Nowak) gehört. Als der Zufall ihm Maulwurfs neueste Erfindung, die PERLMUTTERFARBE, in die Hände spielt, gerät Alexanders Leben aus den Fugen. In der Klasse wird fieberhaft nach dem Dieb gefahndet, aber statt mit der Wahrheit herauszurücken, greift Alexander zu einer Notlüge. Gruber (Benedikt Hösl), ein unliebsamer Klassenkamerad, deckt Alexander und nutzt dessen Abhängigkeit für seine Zwecke. Geschickt lenkt er den Verdacht auf die Parallelklasse und tritt eine Hetzkampagne los. Alexander verstrickt sich in ein Lügengespinst und entfernt sich immer weiter von Maulwurf und seinen Freunden, während Gruber die beiden Klassen hinterhältig gegeneinander ausspielt... Aber nicht nur Alexander hütet seine Geheimnisse und lügt immer wieder, auch seine Mutter und eine Buchhändlerin. Die werden zum Schluss des Films aufgelöst und gipfeln in eine anrührende Schülerrede, die mutig ist und Einsicht zeigt. Vielleicht etwas zu viel Einsicht. Der erhobene Zeigefinger ist aber auch lehrreich.
Die Schauspieler sind perfekt für diesen Film ausgesucht. Aber vor allem sind es hier die Kinder, die so eindringlich, so natürlich und leicht die Rollen füllen und kleinste Nuancen herausspielen. Großartig! Neben Markus Krojer, der schon eine Glanzleistung in Rosenmüllers Film WER FRÜHER STIRBT, IST LÄNGER TOT zeigen konnte, brillieren auch die erwachsenen Schauspieler wie Brigitte Hobmeier, Josef Hader, Sigi Zimmerschied und Johannes Silberschneider, um nur einige zu nennen.

Der Film hält in weiten Teilen den Zuschauer in Spannung und hakt immer dann, wenn viel geredet wird. In einigen schnell gesprochenen, manchmal auch vernuschelten bayrischen Sätzen ist kaum noch der Sinn verständlich. Es ist abzuwarten, ob Kinder, Jugendliche und erwachsene Zuschauer diesen Film "lieben" werden.

Die Autorin hatte in ihrem Roman einen nichtbestimmten Ort beschrieben, ein bisschen Hochdeutsch hätte dem Film gut getan. Vielleicht berlinerisch eher als bayrisch.
Auf gar keinen Fall hat Rosenmüller einen Kinderfilm geschaffen, sondern so wie die Autorin es schon für ihren Roman angedacht hatte, eine Geschichte für alle Altersstufen einschließlich der Kinder. Und die Kinder sind hoffentlich an einer Geschichte aus dem Jahr 1931 interessiert und aufnahmefähig, um die Lehren aus diesem Film mit- und anzunehmen. Zum Beispiel die Gefahr einer Verführbarkeit zur Bandenbildung. Wie leicht Menschen sich manipulieren lassen und wie schnell sie bereit sind, sich ganz einem Ziel zu verschreiben, selbst dann, wenn sie dieses Ziel nicht verstehen. Hier kommt einem sofort der Film DIE WELLE von Dennis Gansel in den Sinn.

In trüben und grauen Filmfarben zeigt Marcus H. Rosenmüller eine bayrische Kleinstadt im Winter von 1931. In einigen Einstellungen erinnert der Film an Volker Schlöndorffs DIE BLECHTROMMEL. So wechseln sich alten enge Gassen und kleine Plätze ab mit Großeinstellungen der Gesichter. Allerdings wirklich nervend ist der Einsatz der Handkamera, die zwar noch dynamischer die Bewegungen machen soll, aber in diesem Film so gar nicht recht passen möchte. Und noch einen Kamerafehler kann man feststellen: Einige Einstellungen fehlt die Schärfe, die Bilder sind verschmiert bis fast verschwommen.
Das Drehbuch von Marcus H. Rosenmüller und Christian Lerch basiert auf dem gleichnamigen Roman von Anna Maria Jokl, die im Mikrokosmos Schule die drohende Welt des heraufziehenden Nationalsozialismus einfing, vor dem sie 1933 aus Berlin geflohen war.
Und die Geschichte der Autorin Anna Maria Jokl ist nicht minder spannend als die Verfilmung ihres Romans. Jokl schrieb ihren Roman zwischen 1937 und 1939 in Prag und verarbeitet in ihm ihre eigenen Erfahrungen, die sie 1933 zur Flucht aus Berlin gezwungen hatten. Jokl hatte in Berlin als Dramaturgin und Drehbuchautorin für die UFA gearbeitet. Anna Maria Jokl war Jüdin, 1911 in Wien geboren. Sie floh aus Berlin zunächst nach Prag, von dort nach Polen. Sie musste alles zurücklassen, auch ihr Manuskript DIE PERLMUTTERFARBE. Ihr tschechischer Fluchthelfer brachte Jokl das Manuskript wenige Wochen später nach Polen ins Flüchtlingslager. Jokls weitere Flucht brachte sie nach London, wo sie bis zum Ende des Krieges blieb und Psychologie studierte.

1948 erschien DIE PERLMUTTERFARBE im Ostberliner Dietz Verlag und wurde zu einem Erfolg. 1951 wurde Jokl aus der DDR ausgewiesen und DIE PERLMUTTERFARBE aus dem Verkehr gezogen. Jokl blieb im Westteil von Berlin, wo sie als Psychotherapeutin und Publizistin arbeitete, bevor sie 1965 nach Jerusalem zog. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod im Jahre 2001.

Der Roman DIE PERLMUTTERFARBE wurde erst Anfang der 90er Jahre wiederaufgelegt, nachdem er lange Zeit nur antiquarisch zu haben war.

Der Kinostart des Films DIE PERLMUTTERFARBE ist der 08. Januar 2009.

Weitere Infos gibt es auf den offiziellen Seiten des Films:
http://www.perlmutterfarbe.film.de

 


eingestellt am: 08.12.2008