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Trauer um Pina Bausch

Die bedeutendste Choreografin der Gegenwart lebt nicht mehr



Pina Bausch 1940 - 2009 © Raphael Labbe

Ein Nachruf von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Das neue Stück von Pina Bausch feierte gerade erst seine Uraufführung im Opernhaus Wuppertal. Und noch einmal durfte ich Zeuge sein, wie diese großartige Choreografin aus winzig kleinen Gesten großes Tanztheater erschuf und ihr frenetischer Beifall zu teil wurde. Heute ist Pina Bausch verstorben. Der verdammte Krebs hatte sie so schnell dahingerafft. Erst fünf Tage zuvor hatte sie den schrecklichen Befund erhalten.

Als Fan von Pina Bausch trifft mich die Nachricht ihres Todes so hart, dass mir erst mal die Spucke wegbleibt und mein Atem stockt. Ein guter Freund erzählte mir heute Mittag von dieser Nachricht, die er schon in den Nachrichten im Radio gehört hatte.

Ich wollte das nicht glauben. Ich hatte sie doch noch vor zwei Wochen auf der Bühne gesehen. Das kann doch gar nicht wahr sein. Ich suchte nach Nachrichten im Internet und ja, da stand es schon auf den Seiten der FAZ, der Zeit und auch der Spiegel berichtete.

Ich heule und heule. Ich sehe mir bei YouTube ein paar Ausschnitte aus Pina Bauschs Stücken an und kriege mich gar nicht mehr ein. Wie gelähmt laufe ich in meiner Wohnung hin und her. Auf der Suche, aber nach was. Ich will schreiben, einen Nachruf schreiben, kann es aber nicht. Der Schock über den Tod von Pina Bausch sitzt zu tief. Stunden dauert es, bis ich endlich wieder klarer denken kann.

Und nun schreibe ich. Schreibe mir mein Leid aus den Fingern, aus dem Körper und dem Kopf. Es muss raus. Ich will am liebsten schreien. Ich setze schon an und dann stockt wieder der Atem. Ich setze mich an meinen Computer und beginne zu schreiben.

Pina Bausch? Wer oder was ist das denn? So, war meine Frage 1986, als ich zu erst von dieser begnadeten Künstlerin hörte. Eine gute Freundin mit der ich Theater spielte, wollte eine Fahrt nach Wuppertal organisieren zu einem neuen Stück von Pina Bausch. Sie hatte ein Jahr zuvor das Stück ARIEN gesehen und war darüber völlig aus dem Häuschen. Eine Bühne völlig unter Wasser gesetzt und alle Tänzer und Tänzerinnen tanzten durch das Wasser, den ganzen Theaterabend lang. Was soll das denn sein? Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Meine bisherigen Theatererlebnisse waren Guckkasten-Theater gewesen. Mal üppig ausgestattet, manchmal nur spartanisch dekoriert. Und jetzt sollte eine ganze Bühne unter Wasser stehen? Unsere ganze Theatergruppe sollte mit nach Wuppertal, also gut, ich auch.

Ich saß zum ersten Mal in meinem Leben im Schauspielhaus Wuppertal. Auf der Bühne waren schon riesige Kakteen zu sehen. Ich dachte noch bei mir: "Wow, dass sieht ja cool aus und dann fing das Stück an und schon bei den ersten Tönen der lauten fremdartigen Musik wurde ich in ein neues Erleben von Theater gesogen. Einfach so. Ich war sofort hin und weg. Was dann noch auf der Bühne passierte ließ meine Augen überquellen. Ein großer ferngesteuerter Hubschrauber jagt eine Tänzerin um die großen Kakteen herum. Übergroße Windmaschinen ließen Unmengen von Zeitungsseiten über die Bühne fliegen und Tänzer stemmten sich gegen den Wind. Eine Tänzerin sagte etwas. Was sehe ich hier eigentlich?, fragte ich mich. Tanz? Theater? Alles war plötzlich möglich. Akrobatik, Wortspiele, ja und auch Tänze. Solis und Gruppentänze, die ich lieben lernen sollte, und das alles zu hämmernden Soundcollagen. So modern, so neu, so ganz anders war dieses Tanztheater. Ich konnte es kaum in Worte fassen. Das Stück hieß AHNEN und hatte mich fasziniert und mitgerissen, wie nichts vorher. Mich hatte es gepackt. Ja, gepackt und nicht mehr losgelassen. Ich wollte mehr und mehr und immer mehr von dieser neuen Art Tanztheater. Und da war noch mehr, endlich nachvollziehbare Gefühle anhand von kleinen Gesten, Mimiken, manchmal nur angedeutet und jeder im Theatersaal konnte es mitfühlen.

Eine Tänzerin geht auf das Publikum zu und fragt: "Kennen sie das auch?" Dann seufzt sie ganz tief und dann sitzt man dort im Zuschauerraum und seufzt aus voller Brust mit. Herrlich! Ich hatte vorher noch nie so gelacht und ja, auch geweint. So anrührend waren einzelne Szenen.

Ich hatte immer meine Probleme mit dem klassischen Tanz. Mit Tutu und Spitze. Aber hier, hier in Wuppertal sprengte das Stück AHNEN die Bühne. Und das sollte die nächsten Jahre noch oft passieren. Und ein Tutu kam nur in dem Stück NELKEN mal vor.

Was habe ich in Wuppertal für Entdeckungen machen dürfen. Runter von der Bühne rein ins Publikum hieß es in manchen Stücken. Ein Spiel mit dem Publikum, das präsent war für die Tänzer und Tänzerinnen. In vielen Stücken wurde das Publikum mit einbezogen. In 1980 wird Tee einigen Zuschauern ausgeschenkt, andere Tänzer laufen in den Zuschauerraum und spielen "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann". In NELKEN stürzen sich Männer aus schwindelerregender Höhe in einen Haufen Pappkartons. Und wo sieht man schon so viele Kunststoffnelken auf der Bühne?

Das Spiel mit den Elementen war so faszinierend, dass ich immer mehr von Pina Bausch sehen wollte. In dem Stück BLAUBART ist es Laub, in AUF DEM GEBIRGE HAT MAN EIN GESCHREI GEHÖRT ist es Erde.

Pina Bausch ließ es auf der Bühne regnen, wie in dem Stück VOLLMOND. Oder einen Wasserfall auf die Bühne rauschen, wie in EIN TRAUERSPIEL. In diesem Stück schwimmt auch eine Insel auf der Bühne. Sie ließ riesige Krokodile über die Bühne krabbeln (KEUSCHHEITSLEGENDE) oder ein Flusspferd schwimmen (ARIEN). Sie ließ es schneien und rieseln, winden und stürmen. Der Bühnenboden war mal aus Kunstsand oder aus echtem Gras. Was wird nun mit dem Tanz-Ensemble in Wuppertal? Ich hoffe, es bleibt in Wuppertal ansässig und wird von einem Tänzer oder einer Tänzerin des Ensembles übernommen. Ich hoffe auch, dass Pina Bauschs Stücke weitergespielt werden und auch neue Stücke entstehen.

Ich bin immer noch ganz benommen. Wie soll man einer so großartigen Choreografin huldigen? Ich mache es ganz einfach: DANKE PINA! Für die vielen Momente in Wuppertal die mir die Augen für so viel Neues geöffnet haben, DANKE!

Pina Bausch hat mein Denken völlig umgekrempelt. Anders denken, weiter denken, kreativ denken. Aus vielen kleinen Gesten ihrer Stücke hat sie große Momente meinem Leben beigemengt. Denk mal Pina-Bauschlig, sagte ich oft zu einer guten Freundin, wenn wir an einen Punkt angekommen waren, an dem wir glaubten, es geht nicht weiter. Und siehe da, es ging weiter. Mit einfachen Fragen auf Bausch-Art.

Ich bin 1987 zum Bausch-Fan geworden und durfte seit 2005 auch über die neuesten Stücke und Wiederaufnahmen berichten. Auch dafür: DANKE!

Pina Bausch wünsche ich nur das Beste, egal wo sie jetzt ist. Sie hat der Welt so viel geschenkt und hätte dies auch weitergemacht, wenn nicht dieser scheußliche Krebs gewesen wäre. Allerdings hat sie Zeit ihres Lebens geraucht wie ein Schlot, aber das gehörte einfach zu ihrem Leben dazu.

Liebe Pina – ich denke an Dich – in höchster Verehrung und tiefer Trauer

Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Weitere Informationen über ihr Leben, ihre Werke, Preise und Ehrungen unter:
http://www.pina-bausch.de


eingestellt am: 02.07.2009