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"Pina Bausch lebt!"

Oder besser gesagt Pina Bauschs Erbe lebt in ihren Stücken weiter. Und wie. Ein Frühwerk von Pina Bausch lockt nach Wuppertal und alle Fans kommen um dem weltberühmten Tanzensemble zu huldigen und zu sehen, ob das Tanztheater Wuppertal es auch nach der Stunde Null schafft, nach dem Tod von der großen Choreografin Pina Bausch im September letzten Jahres, den Geist und das Werk aufrechtzuerhalten.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Das Frühwerk aus dem Jahre 1977 heißt KOMM TANZ MIT MIR und hat echte Haupt- und Nebenrollen und das Erstaunlichste einen schlüssigen roten Faden, für all diejenige die sich unbedingt an einem Faden durch die Geschichte hangeln wollen.

In den meisten Werken Pina Bauschs gibt es Leitsätze, Gedankenfetzen und bruchstückhafte Ideen, wie Puzzleteile, aber aus verschiedenen Puzzlebildern.

Anders in KOMM TANZ MIT MIR. Eine Tänzerin in rotem Kleid und ein Mann in weißem Anzug sind die Hauptprotagonisten. Josephine Ann Endicott und Urs Kaufmann verkörpern diese Charaktere. Zwei "alte" Hasen aus dem Pina Bausch Ensemble. Josephine Ann Endicott war auch 1977 bei der Uraufführung die Frau in Rot.

Am Anfang steht eine weiße Wand vor dem Publikum und verdeckt die gesamt Bühne. Ein Mann in weißem Anzug liegt in einem Liegestuhl und beobachtet nur durch eine offene Tür in der Wand das Geschehen dahinter. Tänzerinnen gehen barfuss hin und her, später legen sie sich auf den Boden, die Tänzer schreiten in schwarzen Mänteln mit Hüten an den Damen vorbei. Kurze Zeit später wird die weiße Wand nach oben gezogen und gibt den Blick auf eine weiße Riesenrutsche frei, die nach hinten immer höher wird. Einige Male an diesem Abend werden die schwarz gekleideten Herren auf der Rutsche nach oben klettern und wieder herunterrutschen.

Der Herr in Weiß und die Dame in Rot lernen sich kennen. Er fragt sie: "Sind Sie schon lange hier? Warten Sie auf jemanden?". Die Frau ist schüchtern und antwortet nicht. Neckische Annäherungen folgen. Der Herr in Weiß vertreibt andere Frauen: "Verschwinden Sie, sie stören hier nur." Die Frau in Rot preist sich an. Sie betont ihre weiblichen Rundungen in Tanzbewegungen. Dann beginnt die eigentliche Geschichte des Paares. Sie fordert ihn auf zu tanzen: "Komm tanz mit mir, komm tanz mit mir, ich hab ne weiße Schürze für, lass nicht ab, lass nicht ab, bis die Schürze Löcher hat." Nach und nach kommen die schwarzen Herren dazu und unterstützen sie in ihrer Aufforderung. Doch der Mann nimmt keine Notiz mehr von der Frau. Die Frau fleht ihn immer energischer an mit ihr zu tanzen. Immer mehr leidet die Frau unter dieser Nichtbeachtung, sie wird krank dabei und windet sich auf dem Boden, aber der Mann bleibt dabei und tanzt nicht.

Er will lieber eifersüchtig gemacht werden von der Frau. Allmählich wird er zum Pascha und benutzt das Werben der Frau um den Spieß herumzudrehen. Er fordert allerlei Gesten von der Frau und die Dame versucht ihr Bestes um "ihrem" Mann zu gefallen.

Die Frau soll "Ich liebe Dich" sagen, aber so dass der Mann es glauben kann. Sie schafft es nicht ihn zu überzeugen. Sie soll einen Striptease machen, soll auf ihn zu gehen und sich auf seinen Schoß setzen, dabei ein Lied singen. Aber was die Frau auch unternimmt um dem Mann zu gefallen, er stößt sie immer wieder von sich. Zwischendurch muntert sie ihn wieder auf: "Komm tanz mit mir...". Der Mann lacht die Frau aus, führt sie vor, macht sie lächerlich. Eine andere Frau betrinkt sich dazu und lacht hysterisch. Das kann Frau wohl alles nur noch im Suff ertragen.

Die Frau in Rot zeigt dem Manne wie schmerzlich alle ihre vergeblichen Mühen und Gesten waren und führt diese Gesten dem Manne immer wieder voller Verachtung vor.

Zu dieser Szene wird eine andere Frau auf Händen getragen und die Tänzer halten Birkenbäume über die "reine Unschuld" die da über die Bühne getragen wird.

Die anderen Frauen schauen manchmal nur mit ihren Köpfen aus Verstecken. Sie sind zu unbeteiligte Beobachter geworden und können nicht helfen, nichts gegen diese männliche Macht ausüben. Die Tänzer wollen dass die Frauen singen und jagen sie über die Bühne mit Stöcken. Ein Tänzer bedroht eine Frau mit einer Baumgabel und stößt sie die Rutsche hoch.

Der Mann in Weiß fällt um und über ihn werden schwarze Mäntel ausgebreitet. Irgendwann steht er wieder auf und die Frau in Rot beginnt ihn "von der Schuld" zu befreien. Sie entblättert Mantel für Mantel und sagt: "Ich habe Schuld". Doch der Mann streitet sich mit der Frau um die Schuld. Jeder will die Schuld auf sich nehmen. Und endlich ist der Mann bereit, fast wie in Trance mit der Frau zu tanzen. Sie stehen nebeneinander und sind doch weiter voneinander entfernt als am Anfang des Stückes. Sie wispern nur noch erschöpft: "Komm tanz mit mir..." und versuchen den Tanzschritt, der nur noch mit Mühe gelingt. So weit die Hauptgeschichte. Deutlicher hat Pina Bausch ihr Hauptthema, des Geschlechterkampfes nur in ihrem Stück KONTAKTHOF dargestellt.

Und das geschieht noch alles in KOMM TANZ MIT MIR: Eine Frau wird liegend an einem Bein über die Bühne gezogen, sie singt dazu ein Lied. Eine Frau wirft Hüte vor sich und geht nur über die Hüte über die Bühne. Ein Tänzer sitzt als Angler hoch oben auf der Rutsche. An der Angelschnur hängt ein schwarzer Hut. Später wirft der Angler seine Angel im Publikum aus. Manche Zuschauer setzen sich den Hut auf, werfen ihn weiter oder zurück zu dem Angler. Eine Frau liegt auf einer Birke und wird von einem Tänzer über die Bühne gezogen.

Pina Bausch verzichtet in dem Stück KOMM TANZ MIT MIR gänzlich auf Musik vom Band. Immer wieder singen die Tänzer und Tänzerinnen die alten Volkslieder selbst. Diese so harmonischen, melancholischen, reinen und schönen Lieder stehen vollkommen konträr zu dem brutalen zwischenmenschlichen Geschehen auf der Bühne.

Das Besondere an den Aufführungen der Stücke mit den grandiosen Ensemble-Mitgliedern der ersten Stunden ist ihr Alter selbst.

So hat die Tänzerin Nazareth Panadero einmal in einem Interview gesagt: "Ich dachte ich werde mir so Mitte dreißig einen neuen Job suchen müssen, denn dann ist man als Tänzerin einfach zu alt. Ich bin heute Mitte Fünfzig und tanze immer noch in dem Pina Bausch Ensemble."

Pina Bausch selbst hat die Faszination der verschiedenen Altersstufen an einem ihrer Stücke ausprobiert. So hat sie das Stück KONTAKTHOF mit ihren Tänzerinnen und Tänzern im Alter um die Dreißig aufgeführt. Im Jahr 2000 ließ die Choreografin Senioren das Stück spielen mit Damen und Herren ab 65 und im Jahr 2009 von Teenager ab 14 Jahren. Die Stücke wirken so anders, so unterschiedlich. So kann man sich auch die Wirkung der jungen Josephine Ann Endicott im Jahre 1977 bei der Uraufführung von KOMM TANZ MIT MIR vorstellen. Ein junges Mädchen, das einem Mann begegnet der ausprobiert, wie weit er gehen kann. Ein Macho der das unschuldige Wesen in vielen Spielarten zu unterdrücken versucht.

Anders wirkt es heute mit einer reifen Tänzerin, einer Frau einer Dame, deren Blütezeit und Straffheit schon vorüber ist, die aber alles daran setzt noch einmal einen Mann zu beeindrucken. Die ihre ganzen Reize ausspielt und doch schon gebrochen wirkt.

Das Stück KOMM TANZ MIT MIR ist ein kurzes aber heftiges Stück von Pina Bausch. Es geht zu Ende mit den letzten Tanzschritten des Paares ist und dann schwillt der Applaus an und will gar nicht enden. Und es geschieht beim 3 Vorhang: Das Opernhaus steht. Stehende Ovationen für das einmalige Tanztheater-Ensemble und für das Stück und posthum natürlich für Pina Bausch.

Und dann merkt es jeder Fan: Ließ sich Pina Bausch auch erst beim 3ten Vorhang auf die Bühne bitten. Sie wird nicht nie mehr zum Applaus kommen und wird doch so schmerzlich vermisst. Ihr Geist aber durchzieht das Opernhaus und donnernder Applaus erfüllt das erwürdige Haus.

Infos und Fotos zum Stück KOMM TANZ MIT MIR:
http://www.pina-bausch.de/de/stuecke/detail/show/komm-tanz-mit-mir/

Weitere Informationen unter:
http://www.pina-bausch.de

oder:
http://www.wuppertaler-buehnen.de

 

Anfang des Stücks: Ein Mann im weißen Anzug liegt in einem Sonnenstuhl vor einer weißen Wand die die ganze Bühne hinter sich versteckt. Der Mann sieht durch eine offene Tür der Wand. Hinter der Wand gehen Frauen barfuß und Männer schwarz gekleidet hin und her. Die Frauen legen sich die Herren schreiten an ihnen vorüber. Alle Tänzer und Tänzerinnen fassen sich an den Händen und singen: „Hoppe hoppe Reiter, wenn er fällt dann schreit er, fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben, fällt er in den Sumpf, dann macht der Reiter...“. Sie rennen im Kreis herum.
Frau in Rot läuft den Männern hinterher, sie singt: „Komm tanz mit mir, komm tanz mit mir, ich hab ne weiße Schürze für, lass nicht ab, lass nicht ab, bis die Schürze Löcher hat“
Die Frau in Rot begegnet dem Herrn in Weiß. Es folgen neckische Spiele zwischen Fremden. Er fragt: „Sind Sie schon lange hier? Warten Sie auf jemanden?“ / Frau ist schüchtern und antwortet nicht. / Der Mann pfeift und auf Pfiff fliegen schwarze Hüte auf die Bühne. Der Mann türmt der Frau die Hüte nacheinander auf dem Kopf auf. Es wirkt unheimlich, bedrohlich. Ein Mann (früher die Aufgabe von Jan Minarek) setzt sich auf die Riesenrutsche und angelt mit einem Stock. Ein Hut hängt an der Angelschnur. / Frau (Nazareth Panadero) wirft Hüte vor sich und geht nur von Hut zu Hut über die Bühne. / Eine Frau singt ein Volkslied. Urs Kaufmann betont, wiederholt einzelne Wörter des Liedes laut. / Alle Tänzerinnen und Tänzer singen. / Die Frau in Rot macht spezielle Gesten, die die weiblichen Formen betonen / Frau wird von Mann über die Bühne gezogen, sie singt dazu / Urs sagt: „Weg hier“ zu der Frau, „Sie sollen verschwinden. Sie stören hier.“ / Frau in Rot: „Komm tanz mit mir“ / Der Mann in Weiß schreitet vorne am Bühnenrand hin und her / Frau geht in den Kreis der schwarz bemantelten Herren und lacht / Frau fleht den Mann in Weiß an, sie schreit, sie geht hinter ihm her und äfft seine Bewegungen übertrieben nach, sie wälzt sich auf dem Boden sie wird ganz krank, dass der Mann in Weiß nicht mit ihr tanzen will. Sie windet sich. / Der Mann, Urs, erzählt eine erotische Geschichte, die die Frau nicht hören will. / Die Frau weint. / Alle Herren in schwarz fallen der Reihe nach um. / Dann springen sie auf und wollen mit ihren Mänteln die Frau einfangen / Der Mann in Weiß fragt: „War es schön? Hat es ihnen gefallen?“ / Frau und Mann sitzen auf liegen gebliebenen Männer. / Viel Sprechtheater. / Mann fragt: „Träumen sie viel“ / Frau wird von Männern mit Hüten beworfen / Mann in Weiß fordert Frau auf Zungenübungen zu machen zum besseren Küssen / Sie singt: „Komm tanz mit mir“ / Mann will nur was erzählen / Frau rennt weg / Frau ist kalt / Alle Frauen schreien und werden über die Bühne im Sitzen auf den Männerarmen getragen / Mann setzt sich auf Frau / Frauen stehen in einer Reihe. Eine sagt der anderen was: „Na – Na was? – Na das. – Was? – Na das. – Hexe“ / Frauen liegen auf Rutsche / Frau sitzt am Bühnenrand: „Ich bin lieb“ / weiße Reifröcke werden auf Bühne geworfen / Angler wirf die Angel aus ins Publikum, die Leute setzen Hut auf oder werfen ihn weiter oder wieder zurück / Mann zieht Hut an Angel hinter sich her über die Bühne zu dem Volkslied „Sah ein Knab ein Röslein steh‘n“ /  Eine Frau singt: „Auf dem Berge Sinai“ / Urs erzählt eine Geschichte: „Ein Blinder liebt eine Frau...“ /

Mann will von Frau richtig eifersüchtig gemacht werden / Mann macht Frau lächerlich, er befiehlt ihr einen Striptease: „Ah, die Bluse, der BH, der Slip. Sag ich liebe Dich, so dass ich es glauben kann. Sie kommt 3 Mal auf die Bühne, aber kein Mal sagt sie es so, dass der Mann es glaubt / Frau kann dem Mann nichts recht machen / Frau legt sich unter den Liegestuhl in dem der Mann liegt. Sie verzehrt sich, büßt. Sie hören ein Lied. / Mann fragt: „Hast Du das Lied gehört? Sag nochmals Ich liebe dich, doch der Pascha glaubt es der Frau wieder nicht. / Mann schlägt mit Birke neben eine Frau und schreit sie an, dass sie singen soll (brutal, erniedrigend) / Frauen sind Werkzeuge für Männer / Urs will umarmt werden von Frau / andere Frauen luken aus Verstecken hervor auf die Bühne, als ob sie sich nicht trauen würden zu helfen, sind nur Beobachter / Die Frau macht wie von selbst die Gesten die sie vor dem Mann machen musste, als ob sie übern müsste, dann legt sie sich in den Liegestuhl / Urs lacht Frau aus, alle Männer lachen (grausames Spiel) / eine Frau singt und wirft dazu ihren Kopf von ihren eigenen Händen in die Luft / Frau singt ein Volkslied, steigt auf einen Stuhl und schlägt den Männern die Hüte vom Kopf: „Ein Vogel hat gesungen...“ (von Hermann Löns) / Frau entblättert Urs von Mänteln, die alle auf ihm abgelegt worden sind, sie befreit ihn (von der Schuld?) / Frau streitet sich mit dem Mann: „Es war meine Schuld“ – „Nein, meine“ / Ein Mann verrät ein Rezept: „Apfel im Schlafrock, das ist ein Dessert“ (früher Jan Minarek) / Mann schiebt Frau mit Baumgabel die Rutsche hoch / Mann sagt zur der Frau: „Ich hasse Dich“ / Mann zieht Frau auf einer Birke liegend über die Bühne, sie singt ein Lied / Alle singen: „Komm tanz mit mir“ in einer Reihe, an den Armen untergehakt / Volkslieder = so unschuldig und rein / Ein Mann tut so als ob er Billard auf dem Bühnenboden spielt mit einem Kö / Frau zeigt auf wie schmerzlich alle ihre Gesten waren die sie für den Mann machen musste und schleudert es Urs entgegen, sie macht immer wieder alle Gesten mit Verachtung und lacht hysterisch dabei / Die Unschuld wird getragen (eine Frau wird auf den Armen getragen, andere Männer halten Birkenstämme wie Palmwedel über sie) / es entwickelt sich zum Ehedrama: „Was hast Du?“ / alle Frauen sitzen auf einer Schulter eines Tänzers und werden über die Bühne getragen / Nazareth Panadero lacht sich kaputt mit Flasche in der Hand, besoffen? Hysterisch? (kann Frau das nur im Suff noch ertragen) / Urs schreit immer wieder: „Joe“ / es krachen 2 Bäume mit Wurzeln auf die Bühne / Urs haut Frau auf Popo, sie soll singen / Alle Frauen sollen singen und werden von Männern aufgefordert / Mann schlägt mit einem Stock neben Frau auf den Boden und schreit sie an, dass sie singen soll / der Mann in Weiß kann sich selbst nicht leiden / Mann fällt um und liegt auf dem Boden, Frau bewirft ihn mit Sachen mit denen sie sich zuvor ausgestopft hat / Mann und Frau stehen nebeneinander, völlig ausgepumpt und fertig, aber endlich ist er bereit, fast wie in Trance mit der Frau zu tanzen, sie wispern nur noch KOMM TANZ MIT MIR... / ENDE ///