Online-Redaktion: liesmichnet.de


 

 

"Alles fließt und strömt..."
in dem Stück Água – von Pina Bausch aus dem Jahre 2001

Das Stück wurde am Freitag im Opernhaus Wuppertal nach 2005 wiederaufgeführt und frenetisch vor ausverkauftem Haus bejubelt und gefeiert. Minutenlang Standing-Ovation für das Pina-Bausch-Ensemble. Das Opernhaus bebte.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Alles fließt und strömt: Die Bewegungen der Tänze, die Flüsse in den Videos die auf hohen weißen Wänden projiziert, ein Hauch Urwald zeigen, die Kleider und Haare der Tänzerinnen und Tänzer, es schaukeln Palmblätter im Wind, kleine Fallschirme und Federn schweben herab, Lust und Leidenschaften in überbordenden Gesten werden zu Trommelrhythmen und chilliger Musik, wie man es vom Café del Mar kennt durchlebt.

Wieder einmal ist es der großen Choreografin Pina Bausch gelungen, aus der Zusammenarbeit Brasiliens, dem Goethe-Institut São Paulo und Emilio Kalil das gewisse Etwas heraus zu kitzeln, das ein Stück weit brasilianisches Lebensgefühl in dem Zuschauer erwachsen lässt.

Dieses „Brasilien-Stück“ zeigt einmal mehr, wie der Zauber der Aufführung überschwappen kann in das Publikum. Man spürt einen Windhauch, auch wenn es keinen gibt. Man liegt mit in der Sonne am Strand obwohl man nur auf einem Stuhl im Zuschauerraum sitzt.

Brasilien, meist nur von seinen schönsten Seiten? Hier wird getanzt, geärgert, geneckt, gespielt und mit allerlei kleinen Gesten geliebt und gelebt. Hier wird ein Tanz zum Schweben im Raum. Hier wird und darf kräftig gelacht werden. Warum auch nicht? Das kennt man schon von Pina Bauschs Stücken.

Die Kostüme sind auf die Farben der gezeigten Videofilme oder Dias abgestimmt. Manchmal sind sie so ähnlich, dass ein Kleid im Gelb der Sonne eines Dias verschwindet oder ein Anzug im Grün des Dschungelfilms vergeht.

Die Bühne ist als Guckkasten gestaltet. Der Boden und die gewölbten Hinterwände sind weiß. Manchmal heben sich die hinteren Wände um ca. vier Meter und geben den Blick auf einen im Dunkeln liegenden Palmengarten frei. Der brasilianische Regenwald ist allgegenwärtig, in Form von Palmen auf der Bühne oder in den vielen Videofilmen und Dias die auf den weißen Wänden und dem Boden projiziert werden. Man könnte das Werk auch das Video-Stück nennen. Filme kamen schon vor zur Vorführung in einigen Stücken von Pina Bausch, aber hier sind es auffällig viele. Darunter auf der Bühne wird zu den wunderschönen Landschaften, Tierfilmen und Sonnenuntergangsbildern getanzt und gespielt.

Die Tänzerinnen und Tänzer sind in diesem Werk meist jüngere Vertreter ihres Faches. Doch zwei Tänzerinnen kennt man schon aus der frühen Schaffensperiode der Bausch. Julie Shanahan und Helena Pikon gehören der „alten“ Schule der Bausch an und geben einen eleganten Kontrast zu den „jungen Hüpfern“, die nicht minder anziehend und auf höchstem Niveau zu Werke gehen. Die Mischung machts und das ist das Schöne an den Stücken von Pina Bausch: Hier können noch „Altgediente“ bis ins hohe Alter neben den ganz jungen tanzen und es ist gerade die Mischung die zum Besonderen wächst. Altehrwürdig, elegant, bekannt und ausdrucksstark erfahren, mit der Weisheit des Alters die bestückten Oldies, neben den ungestümen, wilden, zappeligen jungen Tänzerinnen und Tänzern.

Wenn sich Julie Shanahan auf einem weißen Sofa rekelt und immer wieder über sich selbst lacht, muss der Zuschauer einfach mitlachen, so amüsant kann Eleganz sein.

Ach ja, hier sind auch noch weiße Sofas im Stück, die mal zu einem Halbkreis geformt und dann einfach wieder von der Bühne geschoben werden. Auch weiße runde Tische spielen eine lebendige Rolle. Die Tänzerinnen und Tänzer werden auf ihnen kreisende Bewegungen vollbringen und sich samt Tisch im Kreise drehen. Ein Tanz auf Tischen um sich selbst.

Zum Ende werden alle weißen Tische verlassen sein und auf der weißen Bühne verbleiben. Ein schönes Schlussbild.

Das Stück ist ca. 3 Stunden lang und es gibt eine Pause. Zur Pause liegt alles was zwei Beine hat auf den weißen Sofas und eine Stimme haucht in ein Mikrofon: „Es ist Pause.“ Die Zuschauer gehen in die Pause und auf der Bühne geht das Geschehen einfach weiter.

Aber ich greife vor. Pina Bauschs Stück ist leicht und locker. Voller brasilianischem Temperament und Lebenslust. Überall wird auf öffentlich Plätzen in Brasilien in lauen Winden und unter strahlender Sonne getanzt und gelacht. Da kann auch ein Mäuschen aus Hinterhöfen gekrochen kommen, aber zum Karneval geht es herausgeputzt wie eine Königin zum Sambafest. Alle haben Spaß und das vermittelt das Stück. Auch wenn in den Filmen Regenwald und Leoparden gezeigt werden, ist es doch nie ein Umweltstück. Intensiviert wird das Ganze noch wenn im Film ein Fluss befahren wird. Langsam gleitet das Boot über das Wasser und dazu wird in rasanten Schritten getanzt und gewirbelt, als Tribut an den Regenwald.

 

1.Teil des Tanzabends:
Ein Video zeigt wiegende Palmen. Eine Frau schält eine Apfelsine, ein Mann hält ihr ein Mikrofon hin und macht für die Frau die Geräusche: „Mmmhhh“ und „Ahhh“. Zwei Männer tanzen synchron in schwarzen Anzügen, später tanzen alle Männer völlig synchron. Eine Frau fragt jemand aus dem Publikum woher er kommt. Dann tritt sie einen alten Schuh in die Luft und je nachdem wie dieser Schuh wieder auf der Bühne landet, sagt die Frau das Wetter für den Ort des Zuschauers voraus. Liegt der Schuh auf der Seite bedeutet es, es wird wolkig in Mettmann. Steht der Schuh regnet es in Krefeld. Die Männer schaukeln auf Stühlen sitzende Frauen. Zwei Tänzer werfen sich einen Ast, wie einen Speer, über eine Tänzerin zu. Einige Tänzer springen auf die Knie der liegenden Tänzer. Die Damen schlagen Rad über den Rücken der knienden Herren. Vier Männer halten eine Tänzerin an Armen und Beinen und lassen sie durch die Luft sich winden und drehen. Zu dem Video der Flussfahrt tanzt ein Tänzer in fließenden Bewegungen. Zwei Frauen mit Hüten begegnen sich mit einem Laut „Haoih“ zur Begrüßung. Zwei Frauen breiten ihre Kleider aus, ein Mann der hinter ihnen schleicht, küsst die Damen abwechselnd. Frauen tragen Tabletts mit Gläsern, Früchten, Süßigkeiten, Sektkübel etc. auf ihren Köpfen und reichen Kaffee in Tassen in das Publikum. Ein Mann verteilt Kaffeebohnen. Ein Hinweis auf das Kaffeeanbau- und Exportland Brasilien. Eine Tänzerin tanzt einen heroisch-majestätischen Tanz in grellem weißen Licht. Zu einem Videofilm mit Flamingos zeigen zwei Tänzerinnen ihre Beine. Die eine Frau singt ein Lied und bürstet sich ihre Beine. Eine Tänzerin tanzt in einem knallroten Kleid, eine andere Tänzerin stört den Tanz der Rotbekleideten immerzu. Zu einem Video mit Segelflößen auf hohen Wellen legen sich zwei Männer auf den Boden und decken sich mit transparenter Folie zu. Die Tänzerin Helena Pikon krabbelt unter eine Folie, setzt sich auf den Tänzer und stöhnt. Eine Palme ragt auf die Bühne. Ein Mann hangelt sich am Stamm der Palme entlang. Die weißen Sofas werden auf die Bühne gerollt. Alle Damen und Herren haben Badesachen an und rekeln sich auf dem Sofa. Nach einer Weile halten sich alle ihre Handtücher bedruckt mit Motiven nackter Damen vor ihre Körper und Köpfe, so als seien es ihre Körper und Gesichter. Darauf folgt schallendes Gelächter aus dem Publikum. Das gefällt. Und dann kommt die gehauchte „...Pause.“

2.Teil des Tanzabends:
Julie Shanahan tanzt vor den weißen Sofas zu chilliger Musik und unterbricht sich immer wieder selbst durch Albernheiten. Sie schüttelt sich vor Lachen. Eine Tänzerin fischt sich mit einer Erdnuss am Bindfaden einen Tänzer aus der ersten Reihe im Publikum und zieht ihn damit auf die Bühne. Eine Frau steht plötzlich in einem Lichterkettenkleid auf der Bühne, ein Tänzer steht diagonal zu ihr am anderen Ende der Bühne in einem Lichterkettenanzug. Beide lassen die Lichter im Wechselspiel zueinander aufblinken. Eine Frau kämmt sich Federn aus ihrem Haar. Eine Frau legt sich zum Schlafen auf den Boden, wird aber durch die „Urwaldgeräusche“, die von den anderen Tänzern und Tänzerinnen gemacht und immer lauter werden, gestört, so dass sie ärgerlich wieder von der Bühne geht. Eine Frau meckert ständig an der Kleidung eines Mannes herum. Der Mann zieht ein Kleidungsstück nach dem anderen aus, aber nichts gefällt der Frau. Zum Schluss steht er mit nacktem Oberkörper vor ihr. Sie kneift in den Hüftspeck des Mannes und sagt: „Und was ist das?“ Die weißen Wände heben sich und geben den Blick auf den Palmengarten frei. Alle Damen und Herren stehen mit Lichtern herum, wie auf einer Stehparty. Ein Mann schwärmt eine Frau an, die aber nur Schlechtes an sich finden kann. Ein Mann schenkt einer Frau einen hübsch eingepackten Autoreifen. Ein Mann trägt eine kleine Tänzerin über die Bühne und wirft dabei kleine Fallschirme in die Luft, die langsam wieder zu Boden schweben. Ein Mann pustet eine Feder aus einem Rohr und saugt sie später wieder hinein. Die Männer tragen große Palmkronen wie Blütenkelche auf die Bühne. EinTänzer schiebt eine Tänzerin in einer Schubkarre über die Bühne. Ein Mann sitzt in einem Palmblatt und rudert mit einem anderen Blatt. In einem Videofilm fliegt der Zuschauer mit über Flüsse und Wälder. Die Männer und Frauen bilden eine Kette, jeder hat eine Regenrinne, Folie oder ein Rohr dabei. Zusammen schaffen sie eine Wasserleitung zu legen und Wasser fließt. Ein Mann und eine Frau duschen unter dem Wasserstrahl. Dieses Spielchen wird aber immer wieder von einem Herrn in schwarz verboten. Zu einem Wasserfall-Videofilm beginnt eine Wasserspuck, -sprüh und –fontänen-Orgie. Dann kommen die weißen runden Tische zum Einsatz und es beginnt der „Schlusstanz mit Tisch“.

Ein wundervoll-leichter Tanzabend, bei dem man viel zu lachen und zu stauen hat.
Eine tolle Ensemble-Leistung, ein schwungvoller Abend. Unbedingt empfehlenswert.

Leider gibt es nur vier Aufführungen im Opernhaus Wuppertal.
Falls es aber wieder aufgeführt wird, nicht verpassen.

Die Termine im einzelnen:
19., 20., 21. November 2010, 19.30 Uhr
22. November 2010, 18.00 Uhr

Água – Ein Stück von Pina Bausch
Inszenierung und Choreographie – Pina Bausch
Bühne und Videos – Peter Pabst
Kostüme – Marion Cito
Musikalische Mitarbeit – Mathhias Burkert, Andreas Eisenschneider
Mitarbeit – Marion Cito, Irene Martinez-Rios, Robert Sturm

Die Tänzerinnen und Tänzer an diesem Abend:
Regina Advento, Pablo Aran Gimeno, Rainer Behr, Andrey Berezin, Damiano Ottavio Bigi, Rudolf Giglberger, Ditta Miranda Jasjfi, Nayoung Kim, Daphnis Kokkinos, Eddie Martinez, Thausnelda Mercy, Pascal Merighi, Cristiana Morganti, Helena Pikon, Jorge Puerta Armenta, Azusa Seyama, Franko Schmidt, Julie Shanahan, Michael Strecker, Fernando Suels Mendoza, Aida Vainieri, Anna Wehsarg, Tsai-Chin Yu

 

Musik aus Brasilien – genauere Infos und Fotos auf:
http://www.pina-bausch.de/de/stuecke/detail/show/agua/

Weitere Aufführungen im Opernhaus Wuppertal:
19., 20., 21. November 2010, 19.30 Uhr
22. November 2010, 18.00 Uhr

Weitere Informationen unter:
http://www.pina-bausch.de/

oder:
http://www.wuppertaler-buehnen.de/

 


eingestellt am: 20.11.2010