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Trailer »1980 - Ein Stück von Pina Bausch« from Tanztheater Wuppertal on Vimeo.  







Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

1980 – EIN STÜCK VON PINA BAUSCH ist ein Tanzabend der ganz besonderen Art. Erst Mal ist es Pina Bausch längstes Werk, über dreieinhalb Stunden wird ein Fest der Sinne zelebriert.
Die Bühne ist bis auf die Brandmauern geleert, aber der Bühnenboden ist echter Rasen und das Gras duftet erdig durch das Opernhaus. Ein ausgestopftes Reh steht im Hintergrund und beäugt die Szenerie. Man ist geneigt still zu sein, um es nicht zu erschrecken. Ein Rasensprenger wird später das Gras befeuchten und eine Tänzerin davor tanzen.

In diesem Stück ist der „Kunstraum“ nicht die Bühne, sondern der Zuschauerraum und mit ihm die Zuschauer und die spielen an diesem Abend einige Male mit. Aber davon später mehr.

Wo sonst harte Absätze auf den Bühnenboden knallen, gehen die Tänzer und Tänzerinnen an diesem Abend raschelnd durch das weiche Gras. Einige werden Sonnenbaden oder picknicken. Es werden Spiele gespielt und – ja – auch getanzt. Eine Tänzerin wird an diesem Abend die einzigen Solis tanzen: Helena Pikon. Eine langjährige Bausch-Tänzerin.

Überhaupt gibt es ein Wiedersehen mit den „alten Pina-Hasen“, so z. B. Lutz Förster, Mechthild Grossmann, Nazareth Panadero, Barbara Kaufmann, Jean-Laurent Sasportes, oder Julie Shanahan und Julie Anne Stanzak u.v.a.

Das Stück beschäftigt sich in weiten Teilen mit Gebrechen und Einsamkeit, Tot und Trauer, Abschied und Neuanfang. Im Januar 1980 starb Pina Bauschs langjähriger Lebensgefährte Rolf Borzik. Er war es, der die Bühnenbilder und anfangs auch die Kostüme für alle Bausch-Stücke entwarf.

Das Stück 1980 ist eine Trauerbewältigung der anderen Art. Pina Bauschs ganz persönliche Trauerbewältigung und der Zuschauer begreift einmal mehr, dass auch er altert und dem Ende entgegen geht. Das Alter steht neben der Jugend. Ein alter Turner turnt am Barren und man hat um diesen Menschen regelrecht Sorge, dass er auch ohne Blessuren durch die Übung kommen mag.
Oder wenn sich der gealterte Tänzer Lutz Förster aussieht und nicht nur strammes Fleisch zeigt, wird jedem das Altern bewusst, aber nie lächerlich gemacht. Eher wird es in diesem Stück geehrt.

Demgegenüber stehen junge Tänzer und Tänzerinnen, die in Gruppentänzen alltägliche Gesten in Tanzbewegungen zu getragenen Musikstücken umsetzen. So wird ein zartes Tränenabwischen zu einem melancholischen Gruppentanz.

Es wird viel gesprochen in diesem Tanzabend. Ein Conférencier wird wie Pina Bausch in den Proben, den Tänzern und Tänzerinnen Fragen zu ganz persönlichen Dingen stellen und sie werden der Reihe nach antworten. Sie beschreiben mit 3 Worten ihr Herkunftsland und geben Auskunft über ihre ureigenen Ängste.
Sie werden auch ihre Operationen und Gebrechen „vorführen“, dies wird zu einer makabren Farce. Jeder will „besser“ sein, die größere, gefährlichere Operation hinter sich gebracht haben. Sie nehmen sich gegenseitig das Mikrofon aus der Hand und spielen sich in den Vordergrund. Jeder will mehr vernarbt oder kränker sein. Eine Meisterschaft des Absurden.

Auszug aus Pina Bauschs Fragen in den Proben (aus dem Programmheft von Raimund Hoghe):

Sieben Arten zu sagen „Mir geht es gut": Ich könnte fliegen / ich könnte Dir die Sterne vom Himmel holen / ich kann alles tun / ich hab' keine Angst / ich könnte platzen vor Freude / ich könnte alle umarmen / ich fühle mich ganz leicht / Wovor man am meisten Angst hat / Sehr krank zu sein und starke Schmerzen zu haben / jemand zu verlieren, den ich sehr gern habe / das ich etwas versäumt habe und ein anderer darunter leiden muss / jemand helfen zu können und es nicht zu tun / zu merken, nicht gelebt zu haben / Ein Anlass, sentimental·zu sein: Einen alten Freund wiederzusehen / Abschied zu nehmen / irgendein Teil aus der Kindheit wiederzufinden oder geschenkt zu bekommen / einen Film mit Marilyn Monroe zu sehen / wenn man telefonieren will und keiner da ist / Judy Garlands „0ver the rainbow“ / Dinge, die man tut, um etwas zu verdrängen / an etwas anderes nicht denken zu müssen: einen Film ansehen, putzen, arbeiten, irgend etwas auf der Schreibmaschine schreiben, aufräumen, lesen, telefonieren, mit Leuten sprechen / Gruppenfotos / Kessler-Zwillinge / Vereinsritual / ein sehr schöner Moment aus einem Märchen / Erinnerungsfotos / Was man normalerweise nur allein tut / Ehrungen / Verhalten von Bienen / Was ein anderer zu einem sagen soll / Kinderspiele / Selbstkritik / Momente aus Träumen / Etwas Gefährliches tun / Das ist wahnsinnig lustig / Trauern / Kindergebte / Misswahl / Sonnenbaden /Verbotenes / Andenken / Etwas weggeben / Wie Tiere geschlachtet werden / Wichtige Sachen, die eure Eltern für euch getan haben / Ein großer Wunsch, der erfüllbar ist / Was man jemand schon lange mal sagen wollte / Wie sich Tiere paaren / Fernweh / Entspannungshaltungen / Angst vor Kobra / Polaroidfotos / Weggehen verzögern / Ertappt werden / Geisterbahn / Pudding / Narben zeigen / Maße erfinden / Sich entziehen / Beschützt sein wollen / Lust machen, mitzukommen / Tiere im Dunkeln / Etwas schön finden wollen / Wettkämpfe / Jemand vertreiben / Nationalhymnen / Taufrituale / Mach mit mir, was du willst / Prost, prost Kameraden /Angst im Dunkeln

Die Tänzer und Tänzerinnen krempeln in diesem Stück ihr Innerstes nach Außen. Selten sind solche intimen Einblicke in Menschenleben auf der Bühne erlebbar. Die Tänzer und Tänzerinnen werden nach diesem Abend zu „alten Bekannten“, Freunden, ja Vertrauten. Sie wachsen mit ihren Charakteren ans Herz.

Das Programmheft beinhaltet viele Zeichnungen der Kostüme und Bühnenbildern von Rolf Borzik zu Bausch-Stücken, so z.B. KEUSCHHEITSLEGENDE oder TWO CIGARRETTES IN THE DARK. Eine Verneigung vor seinem Werk, welches leider mit dem Jahr 1980 endete.

In Pina Bauschs Stück werden Erinnerungen an die Kindheit zu getragenen Musikstücken ausgetauscht und Spiele gespielt. Es werden Kinderspiele von Erwachsenen gespielt. So z. B. von einer Frau und einem Mann: „Fischermann wie tief ist das Wasser?“

Vieles wird im Zuschauerraum ausgetragen. Die Zuschauer werden nicht nur Zeuge der Veranstaltung, sondern werden angespielt und angesprochen. Die Tänzer und Tänzerinnen erzählen im Publikum dem einzelnen Zuschauer ihre Geschichten. Von den schönsten Beinen, von Narben und Operationen über Kindheitserinnerungen an die Eltern und Erlebnisse mit den Eltern. Dazu wird Tee mit Milch und Zucker in die Reihen gereicht.

Ein Zauberer tritt auf und verzaubert die Damen und Herren nicht nur auf der Bühne.
Alltägliche Dinge werden zelebriert und ins Absurde gesteigert. So werden zum Beispiel erst nur einzelne Körperteile der Sonne dargeboten bis völlig Nackte der Sonne ausgesetzt sind. Oder Mann füttert sich selbst: „Ein Löffel für Mama, ein Löffel für Papa...“

Pina Bauschs Trauerarbeit ist oft absurd und makaber, aber gerade deshalb reizt es oft zum schmunzeln und lachen. 1980 ist anfangs bedrückend, still und leise. Erst im zweiten Teil wird es befreiend und erhellend. Und gerade die Teile mit Mechthild Grossman bringt das Publikum zum Lachen. Aus dem Dunkeln der Gedanken zieht es den Blick des Zuschauers immer wieder auf das frische Grün des Rasens. Eine Wohltat, eine Erholung nach der Anstrengung.

Anders als in Pina Bauschs ARIEN oder dem wenig gespieltem Trauerstück EIN TRAUERSPIEL, in denen die Grundstimmung eher deprimierende Grundfarbe im Gespielten und Getanzten überwiegt, ist 1980 erfrischend anders. Eine Einladung zum Leben mit einem Blick immer wieder auf ein Ende, mit allen Zwischentönen über das Altern bis zum Tod. Oftmals bleibt einem aber auch das Lachen einfach im Halse stecken.

Über dem ersten Teil scheint eine Grabesstille zu liegen. Einige Male wird eine Frau den Rollrasen aufrollen und ein Mann wird mit den Füßen der Frau die stelle „putzen“. Eine Grabstelle?
Der zweite Teil des Tanzabends ist ausgelassener und es scheint, als sei eine Gesellschaft zu einem Gartenfest mit Spielen, Musik und Turnen geladen zu sein.

Mit frenetischem Applaus und Standing Ovation für das Pina-Bausch-Ensemble wird der Tanzabend im Opernhaus Wuppertal zu Recht gefeiert.

Wer das Stück dieses Wochenende in Wuppertal verpasst hat kann noch eine begehrte Karte in Paris ergattern. 1980 – EIN STÜCK VON PINA BAUSCH wird im Théâtre de la Ville in Paris vom 20. Bis 30 April und vom 2. Bis 4 Mai 2012 noch gespielt. Genaue Daten siehe unten: Also nichts wie hin!

 

Inszenierung und Choreographie Pina Bausch
Bühne Peter Pabst
Kostüme Marion Cito
Dramaturgie Raimund Hoghe
Mitarbeit Hans Pop, Klaus Morgenstern
Dauer 3h 35min

Anne Marie Benati, Lutz Förster, Mechthild Großmann, Hans Dieter Knebel, Ed Kortlandt, Mari DiLena, Beatrice Libonati, Anne Martin, Jan Minarik, Vivienne Newport, Nazareth Panadero, Isabel Ribas Serra, Arthur Rosenfeld, Monika Sagon, Jean-Laurent Sasportes, Janusz Subicz, Meryl Tankard, Heide Tegeder


Zauberer Ralf John Ernesto

Violine Arthur Sockel

Turner am Barren Max Walther
Musik John Dowland, John Wilson, Ludwig van Beethoven, Claude Debussy, Johannes Brahms, Edward Elgar, Francis Lai, Benny Goodman, Comedian Harmonists
Uraufführung 18. Mai 1980, Schauspielhaus Wuppertal
Gastspiele/Tourneen
1981 Köln, Avignon 1982 Wien, Rom, Melbourne, Adelaide, London 1983 Mailand, Venedig, Hamburg, Stuttgart 1984 Amerika-Tournee: Los Angeles, New York, Toronto; Stockholm 1985 Venedig, Barcelona 1986 Lyon 1987 DDR-Tournee: Ost-Berlin, Gera, Cottbus, Dresden 1988 Tel Aviv 1988 Reggio, Cremona, Bologna, Modena 1989 Paris 1992 München, Straßburg 1993 Japan-Tournee: Tokyo, Osaka, Kyoto, Hong Kong 1994 Lissabon 2001 Athen

Infos zu den Pina Bausch-Stücken auf:
http://www.pina-bausch.de/

Infos/Fotos zu dem Stück 1980 – Ein Stück von Pina Bausch:
http://www.pina-bausch.de/de/stuecke/detail/show/1980-ein-stueck-von-pina-bausch/



20., 21., 22., 24., 25., 26., 28., 29., 30. April 2012

2., 3., 4. Mai 2012

1980 – EIN STÜCK VON PINA BAUSCH

Paris, Théâtre de la Ville, Dauer 3h 35min

 

Nächste Aufführungen des Pina-Bausch-Ensembles in Wuppertal:

18., 19., 20., 21. Mai 2012
NUR DU
Uraufführung 1996, Neueinstudierung
Wuppertal, Opernhaus
Dauer 3h 10min
Vorverkaufsbeginn 23. März 2012

25., 26., 27., 28. Mai 2012
TEN CHI
Wuppertal, Opernhaus
Dauer 2h 50min
Vorverkaufsbeginn 30. März 2012




LONDON 2012 FESTIVAL / CULTURAL OLYMPIAD

10 Stücke / Internationale Koproduktionen von Pina Bausch als Teil des London 2012 Festival und Höhepunkt der Cultural Olympiad 6. Juni bis 9. Juli 2012

Die Vorstellungen des Tanztheater Wuppertal im Rahmen des London 2012 Festival werden gefördert durch:

6., 7. Juni2012
VIKTOR
London, Sadler´s Wells
Dauer 3h 15min

9., 10. Juni 2012
NUR DU
London, Barbican
Dauer 3h 10min

12., 13. Juni 2012
...COMO EL MUSGUITO EN LA PIEDRA, AY SI, SI, SI...
London, Sadler´s Wells
Dauer 2h 40min

15., 16. Juni 2012
TEN CHI
London, Barbican
Dauer 2h 50min

18., 19. Juni 2012
DER FENSTERPUTZER
London, Sadler´s Wells
Dauer 2h 50min

21., 22. Juni 2012
BAMBOO BLUES
London, Barbican
Dauer 2h 20min

24., 25. Juni 2012
NEFÉS
London, Sadler´s Wells
Dauer 2h 50min

28., 29. Juni 2012
ÁGUA
London, Barbican
Dauer 2h 50min

1., 2. Juli 2012
PALERMO PALERMO
London, Sadler´s Wells
Dauer 2h 45min

8., 9. Juli 2012
WIESENLAND
London, Sadler´s Wells
Dauer 2h 25min

 


eingestellt am: 08.04.2012