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Foto: Ensemble ARIEN • © Ulli Weiss

 

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff und Gast-Autor: Johannes Brinkmann

Mit einer frischen Neubesetzung einiger Rollen ging das Stück ARIEN von Pina Bausch über die Wasserbühne im Opernhaus Wuppertal.
Wasserbühne? Ja, die gesamt Bühne ist bis zu den Brandmauern entkernt. Eine schwarze Folie bedeckt den Bühnenboden und der ist geflutet. Knöcheltief steht die gesamte Bühne des Opernhauses unter Wasser. In dem Bühnenboden ist am hinteren linken Ende eine Vertiefung in der sogar geschwommen werden kann und das mit einem täuschend echt aussehenden Nilpferd, welches im Innern von Bühnenarbeitern über die Bühne bewegt wird. Es latscht und schwankt über die Bühne und geht auch in der Vertiefung schwimmen.

 


Foto: ARIEN • © Maarten Vanden Abeele

 

Wo sieht man so etwas schon? Vielleicht im alten Rom, im Kolosseum, das man auch fluten konnte um Seeschlachten darstellen zu können, und hier, bei dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Die „große Dame“ des Tanzes liebte die Elemente und hat über die Bühnenausstattung allein ganze Generationen von Zuschauern verwundern und bezaubern lassen, wie zum Beispiel in ihren Werken „1980“ – die ganze Bühne ist mit Echtrasen ausgelegt und es duftet nach Gras durch die Spielstätte. Oder in dem „Madrid-Stück“ – in dem weißer Sand über die gesamte Spieldauer auf die Bühne rieselt und am Ende eine dicke Sandschicht aufschichtet. Regen in „Vollmond“, ein Sturm durch einen Kakteenwald in „Ahnen“, um nur einige zu nennen.

In ARIEN nun also Wasser bis zum Abwinken. Knöcheltief steht es auf der Bühne und von oben regnet es noch dazu. Es ergeben sich wunderschön anzusehende Stillleben, wenn es zu einem Stillstand kommt und nur noch das Wasser Spiegelungen unter die Theaterdecke wirft und es tropft und plätschert. Einfach mal in Ruhe schauen und genießen.

Geduld braucht es, wenn es zu den Stillständen kommt, denn Pina Bausch lotet hier einmal mehr auch das Ertragen von Ruhe aus. Das fordert dem Zuschauer viel innere Konzentration ab.

ARIEN ist kein „leichtes“ Stück, aber beeindruckend. Fröhlichkeit wird meist im Keim erstickt. So werden einige Kinder- und Gesellschaftsspiele gespielt, bei denen einer oder eine der Tanzenden immer auf der Strecke bleibt, bzw. aus dem Spiel ausscheidet. Bei der „Reise nach Jerusalem“ etwa oder „Alle Vögel fliegen hoch...“ und bei dem Lied „Jetzt fahrn wir übern See, übern See, jetzt fahrn wir übern...“. Eine Metapher für unser aller Leben?

Das ARIEN-Stück ist wie ein Reigen aufgebaut. Die Zuschauer betreten den Theatersaal, auf der Bühne sind schon einige Tänzer und Tänzerinnen. Sie sitzen vor großen Spiegeln, unterhalten sich, rauchen, lesen, schminken, frisieren sich. Sie probieren ihre Abendroben an und machen sich langsam fertig für ihren Auftritt. Später wird eine Festtafel aufgebaut. Die Gäste kommen und begrüßen die Gastgeberin, alle setzen sich an die Tafel aber keiner nimmt etwas. Plötzlich bricht das Chaos aus und das Fest wird zur Katastrophe. Die Gastgeberin ist wütend und schreit alle an, dann wird sie traurig und weint. Ihr Fest ist geplatzt. Alle anderen wälzen sich im Chaos, reden durcheinander zum Publikum, oder laufen hin und her. Die Gastgeberin gibt auf und geht im schwarzen Kleid schwimmen. Die Gäste beruhigen sich langsam wieder. Das Stück kommt zur Ruhe und alle setzen sich wieder vor die großen Spiegel, rauchen, lesen, schminken und frisieren sich, wie zu Anfang. Machen sich wieder bereit für das nächste große Ereignis.
Dazwischen gibt es das große von Bühnenarbeitern bewegte Nilpferd und eine Frau streichelt es, lehnt sich an und schwimmt sogar mit ihm. Eine Liebe zu einem Dickhäuter. Soll uns das sagen, dass wir alle ein „dickes Fell“ haben müssen um das Leben zu bestehen? Wäre eine Möglichkeit. Oder wir brauchen eine „dicke“ Freundschaft, um nicht alleine durch die Welt zu wandeln.

 

Was sonst noch im Stück "ARIEN" geschieht:

Ein Mann macht Yoga-Übungen im Wasser, ein anderer Luftboxen / ein Mann macht Fotos von einem hüpfenden Paar, dann stellt sich das Paar auf Stühle und springt ins Wasser/ ein Mann umarmt eine viel kleinere Frau und trägt sie an sich gepresst und küssend über die Bühne/ ein Mann schreit immer wieder nach Julien und Dieter, immer lauter/ ein Paar probt Walzertanz im Wasser/ alle ziehen sich um: Anzüge und Abendkleider/ Licht im Zuschauerraum an: allgemeines Begutachten der Zuschauer von den Tanzenden/ ein Mann erzählt eine Geschichte: Ein Mann geht zum Zirkus und will Vogelimitator vorführen. Brauchen wir nicht, sagt der Zirkusdirektor. Da ist der Mann durch das Fenster weggeflogen/ ein Mann fragt: Warum können Schweine kein Rad fahren? – Weil Schweine keinen Daumen zum klingeln haben/ Männer gestalten „ihre“ Frauen, sie schmücken sie mit Tüchern, Bändern, Schminke, Schleifen, die Frauen sehen bizarr aus wie Diven, Mangacomicfiguren, Puppen/ alle sagen: „Ha“/ Mann tanzt ein Solo, eine Frau läuft um ihn herum und schreit ihn an, dann schreien alle Frauen die Männer beim Tanz an/ eine Polonaise diagonal über die Bühne: Alle sitzen, liegen im Wasser, nach einem Klatschen, wechseln alle die Position und kriechen weiter nach vorne/ eine Frau fragt: „Was halten Sie von Arien?“, Antworten wie bei einer Umfrage: Ich bin berufstätig. Wenn ich Arien höre, denke ich an rote Fingernägel und quälen. Das ist nichts für mich./ Frau läuft weg als ein Nilpferd auftritt/ Frauen und Männer haben sich umgezogen und kommen fast lautlos auf die Bühne, alle in schwarz, wie bei einer Beerdigung/ Männer üben sich im Weitspucken/ Frauen stehen am Rand/ nur noch Plätschern des Wassers ist zu hören/ das Wasser spiegelt sich wunderschön am Theaterhimmel im Zuschauerraum/ einige stellen sich nach vorne: „I have a terardrop in my nose (in my feet... in my nipple etc.)/ im Hintergrund spielen einige im Kreis das Kinderspiel: Vogel flieg, immer einer scheidet aus/ alle spielen: Die Reise nach Jerusalem und wieder scheidet immer einer aus/ alle singen im Kreis: Jetzt fahrn wir übern See, übern See, jetzt fahrn wir übern See (wieder scheidet einer immer aus)/ 1 Frau tanzt Solo, ganz zart, behutsam mit traurigen kleinen Gesten zu der Mondscheinsonate von Beethoven/ alle Frauen tanzen/ Männer machen Krach, dann alle Stillstand, langsam weiter, alle schreiten nach vorne, alle rufen nach etwas, wildes Stimmgewirr/ es regnet: Das Nilpferd stapft über die Bühne/ Aberglaubengesten: Salz über Schulter, auf Holz klopfen/ ein Mann (Pablo) zieht sich nackt aus und geht schwimmen, danach legt er sich auf den Boden = Sonnenbaden und trocknen/ 1 Mann bläst eine Luftmatratze auf und wirft sich auf sie, er treibt damit ein paar Meter im flachen Wasser/ der Nackte läuft plötzlich von der Bühne/ 1 Frau setzt sich ins Wasser und bindet sich ihren Kleidersaum um die Beine/ 1 Frau wirft Blütenblätter/ alle schleichen durch das Wasser, bloß nicht spritzen, nicht platschen, kein Laut machen, im Vorübergehen nicken sie den Zuschauern zu/ alle im Kleidchen auch die Männer, zart und seidig/ ein Mann lässt seinen Socken über das Gesicht eines liegenden Mannes kreisen, der seinen Kopf wegziehen will, der selbe Mann drückt einen anderen Mann an eine Bühnenwand und haucht ihm ins Gesicht/ alle haben Anzug und Abendkleider an, und kommen einzeln auf die Bühne, die Gastgeberin wird begrüßt oder auch extra nicht und dann sitzen alle um die Festtafel aber keiner sagt etwas, keiner nimmt etwas, das Nilpferd liegt neben dem Tisch und schaut ins Publikum, dann springt einer nach dem anderen auf und schreit und spielt und läuft und macht Blödsinn, alle verkleiden sich und haben Spaß, die Gastgeberin ist genervt, später wird sie weinen um ihre schöne Party/ eine kleine Seeschlacht: 2 Segelschiffchen spielen Krieg und beschießen sich, die Segel brennen und die Tanzenden löschen das Feuer mit Wasser/ 2 Frauen tanzen und lassen ihre langen nassen Haare fliegen/ alle anderen gehen nach vorne und reden zur gleichen Zeit mit dem Publikum (wildes Stimmgewirr)/ paarweise gehen die Tanzenden hintereinander über die Bühne, der hintere schreibt und malt auf den Rücken des Vorderen/ ein Mann will vom Balkon im Zuschauerraum springen, alle schreien, er soll den Blödsinn lassen/ die Frauen gehen rückwärts, die Männer vor den Frauen halten die Hände der Frau und stellen einiges mit den Händen an: streicheln, zwicken, schütteln etc., damit gehen sie paarweise über die Bühne/ alle sagen: „Guten Tag“ und setzen sich auf Stühle am Rand/ eine Frau geht mit dem Nilpferd schwimmen und streichelt es und lacht dabei/ alle laufen hin und her durch das Wasser, dann laufen alle von hinten nach vorne und wieder zurück, einer nach dem anderen bleibt hinten stehen, ein Mann läuft länger als alle anderen/ ein Mann und eine Frau umarmen sich/ Gastgeberin in schwarzem Kleid schreit alle anderen an: die Anderen lösen sich und laufen von der Bühne/ Männer liegen im Wasser, die Frauen legen sich hinter sie oder daneben/ Gastgeberin schwimmt im tiefen Wasser/ alle anderen liegen in Löffelchenstellung im Wasser und schauen ins Publikum, sie stehen langsam auf, Licht im Zuschauerraum an, die Tanzenden nehmen die alten Positionen vom Anfang wieder ein: lesen, rauchen, sich ausruhen, sich schminken vor den großen Spiegeln/ Licht ganz aus = ENDE

 

Ein verstörendes Stück? Johannes Brinkmann, ein Mitbesucher der Aufführung, beschreibt seine Gefühle bei dem erlebten ersten Mal dieses Tanzabends so:

Ich habe schon mehrere Tanzabende von Pina Bausch erlebt. „1980" z.B. hat mir große Freude gemacht. Hier fesselten mich die Darsteller auf der Bühne und zogen mich in ihren Bann. Sympathisch waren sie mir, mit dem Applaus am Ende war mir, als beklatschte ich mir lieb gewordene Freunde. Genauso erging es mir bei „Two Cigarettes in the Dark“. „Vollmond“ hat mich geradezu vom Stuhl gehauen. Auch hier war schon Wasser das Element auf der Bühne, als lustvoller, sanfter bis kraftvoller Spielpartner.
Doch wie erging es mir in „Arien“. Ich wusste vorher nur, dass wieder Wasser auf der Bühne ist. Darüber hinaus wusste ich rein gar nichts von dem Stück. Selbst das Nilpferd, das 1979 dazu führte, dass „Arien“ für viele „Das Stück mit dem Nilpferd“ wurde, war mir vorher unbekannt.
Ein Rausch von Eindrücken strömte auf mich ein und doch wollte keiner von ihnen mich so recht beeindrucken. Das Stück rauschte durch mich durch und an mir vorbei. Es ermüdete mich. Am Schluss war ich nur erleichtert und dankbar, dass es nicht nach einer Pause weiterging.
Eigentlich habe ich auf diese Weise so gar nichts wirklich mitbekommen, weder die Gesellschaftsspiele z.B. „Reise nach Jerusalem“ noch den zärtlichen Tanz mit dem Nilpferd. Ich war schlicht erschlagen und nicht (mehr) aufnahmefähig. Was auch daran lag, dass mich die Protagonisten auf der Bühne einfach nur kalt ließen, keine/r von ihnen weckte mein Interesse oder meine Sympathie. „Arien“, kann ich am Ende sagen, ist nicht meins geworden.
Werde ich deshalb nie wieder in ein Stück von Pina Bausch gehen oder will ich Ihnen als Leser vom Besuch von „Arien“ abraten? Ein klares Nein! Stücke von Pina Bausch sind wie Pina Bausch selbst: sie polarisieren. Entweder mag man ein Stück von ihr, oder man mag es nicht. Das ist voll subjektiv! Machen Sie sich selbst ein Bild! Und das nächste mir noch unbekannte Stück, das ich mir auf jeden Fall wieder ansehen will, wird von mir die volle Chance bekommen, mich zu packen. Ein Tanzabend von Pina Bausch ist (m)einen Besuch auf jeden Fall wert!
Johannes Brinkmann

 

Das Stück ARIEN wurde 1979 uraufgeführt und hatte so manchen Zuschauer verschreckt. Wer Ballett sehen wollte wurde gänzlich enttäuscht, denn es gibt wenig Tanz in dem Stück. Damals war Tanztheater noch kein Begriff der in der Gesellschaft angekommen war. Pina Bausch hatte ihn langsam aber sicher in unser Bewusstsein eingeschleust und hoffähig gemacht. Nicht wie die Menschen sich bewegen, sondern was die Menschen bewegt, war ihr Anliegen. Diese Suche nach Antworten sollte in ihren Stücken sichtbar werden.

Wer also noch mitsuchen möchte, das Stück wird noch in den kommenden Tagen in Wuppertal gezeigt. Und zwar am: 25., 27., 28. Mai 2017. Restkarten könnten noch vorhanden sein, oder es werden Karten am Vorstellungstag zurückgegeben. Vielleicht haben Sie ja Glück und können das Stück noch sehen, denn ARIEN ist ein wenig gespieltes Stück. Wahrscheinlich ist der Aufwand zu groß, um es wieder auf große Tournee zu schicken.

 

 

 

 

Arien
Ein Stück von Pina Bausch

Inszenierung und Choreographie Pina Bausch
Bühne und Kostüme Rolf Borzik
Mitarbeit Marion Cito, Hans Pop
Dauer 2h 5min

Musik Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart, Sergei Rachmaninow, Robert Schumann, Italienische Arien, Belcanto Italiano, Comedian Harmonists ...

Uraufführung 12. Mai 1979, Opernhaus Wuppertal 

Gastspiele/Tourneen
1980 Berlin 1981 Köln 1985 Montreal, Ottawa, New York 1986 Paris

Aktuelle Besetzung »
Neueinstudierung Wuppertal Mai 2017 

Intendantin und Künstlerische Leiterin: Adolphe Binder 
Probenleitung: Josephine Ann Endicott
Assistenz Probeleitung: Bénédicte Billiet

Regina Advento, Emma Barroman, Damiano Ottavio Bigi, Michael Carter, Çağdaş Ermis, Silvia Farias Heredia, Jonathan Fredrickson, Ditta Miranda Jasjfi, Scott Jennings, Barbara Kaufmann, Douglas Letheren, Eddie Martinez, Blanca Noguerol Ramírez, Breanna O’Mara, Nazareth Panadero, Azusa Seyama, Julie Anne Stanzak, Oleg Stepanov, Julian Stierle, Michael, Strecker, Tsai-Wei Tien, Stephanie Troyak, Ophelia Young

Nilpferd: 
René Freitag, Daniela Heller, Christoph Jacobi, Roman Lindenborn, Fin Pampus, Tristan Sülz, Lukas Vaupel, Lukas Wittke

 

Besetzung der Uraufführung »

Uraufführung 1979 

Arnaldo Alvarez, Anne Marie Benati, Gary Austin Crocker, Fernando Cortizo, Elizabeth Clarke, Josephine Ann Endicott, Lutz Förster, John Giffin, Silvia Kesselheim, Ed Kortlandt, Mari DiLena, Beatrice Libonati, Anne Martin, Jan Minarik, Vivienne Newport, Arthur Rosenfeld, Monika Sagon, Heinz Samm, Meryl Tankard, Christian Trouillas, Monika Wacker

 

Weitere Aufführungen in Wuppertal:

30. Juni, 1.- 3. Juli 2017, jeweils 20 Uhr
UNDERGROUND V
Ein Abend mit Choreographien von Rainer Behr, Jorge Puerta Armenta und Mark Sieczkarek
Mit Mitgliedern des Ensembles und Gästen

Riedel Communications / Halle V
Uellendahlerstr. 535, 42109 Wuppertal

VVK-Beginn 29. April 2017
20 Euro, 13 Euro ermäßigt
Karten über Reservierungstelefon Kulturkarte 0202 563 7666 oder vor Ort bei Kulturkarte Kirchplatz 1, 42103 Wuppertal

 


12., 14., 15., 16., 17. Juli 2017
TEN CHI

Wuppertal, Opernhaus
Vorverkaufsbeginn: 17. Mai 2017
Dauer 2 h 50, inkl. Pause

Weitere Infos zum Tanztheater Wuppertal Pina Bausch:
www.pina-bausch.de

 


eingestellt am: 25.05.2017