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Kommentar von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Ein kleines Werbefenster öffnete sich unten rechts, als ich auf den Sender ONE umschaltete mit dem Hinweis auf eine Sendung mit dem Titel: „Unser Lied für Rotterdam“.
UPS – hätte ich ja fast verpasst. Was war da denn los? Keine Vorentscheidungs-Sendung in der ARD? Hat der Sender kein Geld mehr? Keine Ideen? Keine deutschen Künstler, die sich noch dafür hergeben?

Ich habe sofort im Internet gegoogelt und siehe da, Deutschland hat mit zwei Jurys ein Lied gewählt und ich wurde nicht gefragt?

Ich fühle mich als Zuschauer übergangen. Nicht wahrgenommen. Ich kann nicht über das Lied abstimmen und wird mir einfach vor die Nase gesetzt. Das ist die Höhe, der absolute Schreck im Vorfeld des ESC 2020 in Rotterdam.
Man vertraut dem Publikum nicht mehr. Ich bin geschockt.

Dann kommt die Sendung, bloß nicht zur Prime-Time, sondern erst um 21:30 Uhr auf einem Sender, der junges Publikum ansprechen will. Das Ganze ist nur eine Stunde lang. Was soll der Mist? Versteckt vor der Welt. Und was passierte in der Sendung?

Ah, Frau Schöneberger moderiert, dann wird das ja ein klasse Abend, dachte ich noch, aber dann kam die Trümmershow.
Unsere Barbara in einem quietschgelben, prallen Gummi- oder Latexkleid. Auffallen um jeden Preis. Das war es dann aber auch schon.
Wie oft wurde eigentlich in dieser Stunde betont, dass es sich um ein ganz besonderes Hit-Lied handelt, welches ausgewählt wurde?

Das ausgewählte Lied ist noch nicht uraufgeführt und ist schon anscheinend der Super-Hit. Frau Schöneberger redet und redet und sagt dann Michael Schulte an.
Der Vorzeige-vierte-Platz aus dem Jahr 2018, Michael Schulte, den aber die deutschen Fernsehzuschauer ausgewählt haben, singt ein neues Lied und auch er ist sicher: „Der gewählte Song ist klasse“, aber man darf ihn immer noch nicht hören.

Ein Video mit Frau Schöneberger wird gezeigt, in dem sie die Auswahl des Super-Hits aus deutschen Landen dem interessierten Publikum vorstellt.

Dann erscheint der NDR-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber und erklärt warum und wieso und überhaupt. Man hatte schon im Mai 2019 nach der großen Null-Punkte-Pleite angefangen ein neues Lied für 2020 zu suchen. Acht Monate hatte es gebraucht, um mir als ESC-Fan ein Lied vorzusetzen, in einer Show die nicht live, sondern aus der Retorte stammt?
Herr Schreiber ist sich sicher, dass es dieses Jahr in Rotterdam kein letzter Platz werden kann mit diesem Super-Lied, das immer noch nicht vorgestellt wird. Stattdessen werden Torten-Diagramme, Zahlen und Fakten und sonst noch was gezeigt, damit der dumme Zuschauer begreift, dass hier Profis und nicht der gemeine Pöbel ein Lied ausgesucht haben.

Dann wird gleich noch ein Film eingespielt: Herr Sky du Mont mixt nochmals die Formel der Auswahl bildlich für alle verblödeten Zuschauer zusammen und voilà, der beste ESC-Song aller Zeiten ist geboren. Ach, und wann wird er endlich präsentiert? Das dauert noch ein Weilchen.

Erst kommt noch der deutsche ESC-Team-Chef der deutschen Delegation Herr Christian Blenker und auch er muss nochmals alles erklären, für die total bescheuerten Zuschauer am Bildschirm und die eingeladene Journalisten-Bagage im kleinen Kinosaal, die es wohl immer noch nicht geschnallt haben, dass man an diesem Abend nicht wählen und anrufen darf, nur dem ausgemachten Wahnsinn zuschauen darf.

Mit mathematischen Mitteln werden Leute zusammengetrommelt die in der Vergangenheit zielsicher die Platzierungen vorhergesagt haben: die Jury Nummer 1.
Die zweite Jury, bestehend aus Fachleuten aus 20 Ländern Europas, die allesamt schon mal beim ESC abgestimmt hatten, wurden gefragt und das deutsche Publikum ist wohl zu blöd, um einen guten Titel auszuwählen. Das ist ja der Hammer!

Es werden immer mehr Leute auf die Bühne geholt, die dem ganzen Blödsinn den bedeutsamen Sinn dieses Verfahrens anheften sollen. Mittlerweile kann man das Gequatsche schon gar nicht mehr hören.

Nochmals kommt eine Dame aus dem ESC-Team auf die Bühne und lobt wieder das Lied und den Sänger und dann wird endlich mal die Klappe gehalten und das offizielle Video gezeigt.

Was ist das? Ein Mädel oder ein Bub? Micky Maus-Stimme oder weinerliche Kastratenverstopfung?
Das ist das Lied, das Deutschland aus dem kein-Punkte-Ergebnis-Sumpf ziehen soll?
Eine Mischung aus Justin Bieber und Justin Timberlake. Eine Tanz-Choreografie soll dem Sänger mit Namen Ben Dolic, ein gebürtiger Slowene, noch eingeimpft werden, so die Versprechungen.

Der Text, eine Liebes-Hymne auf was oder wen? Die Freundin ist das „Violent Thing“, das gewaltige oder krasse Ding, oder spielen hier noch andere Momente mit hinein? Mama darf aber davon nichts erfahren. Oder hat der Junge etwa dieses „Violent Thing“ und singt sein bestes Stück an?

Vielleicht gefällt Europa ja dieser „Super-Hit“ aus Deutschland, an dem kein Deutscher mitgearbeitet hat. Der Songschreiber stammt aus Bulgarien.

Das soll nichts heißen. Andere Länder hatten sich schon in den 1970er Jahren im Ausland Künstler für den ESC eingekauft. Warum nicht auch mal Deutschland?

Im Land der Dichter und Denker gibt es keine geeigenen Autoren und Komponisten mehr?
Kein deutscher Künstler, Sänger, Sängerin, Gruppe die sich noch einer Vorentscheidung stellen wollen?

Vielleicht wird das ja was mit Ben Dolic und seinem Song „Violent Thing“ dieses Jahr beim ESC in Rotterdam. Vielleicht unter den ersten 10 oder sogar unter den ersten 3, aber mir ist jetzt schon das deutsche Liedchen egal. Hauptsache ich höre einige neue Lieder aus ganz Europa. Selten, dass ein Lied wirklich ein Super-Hit in Europa wurde. Zuletzt klappte das in den Jahren 2009 in Moskau, Gewinner: Alexander Rybak mit dem Lied „Farytale“, 2010 in Norwegen: Gewinner: Lena mit dem Lied „Satellite“ und 2011 in Aserbaidschan, Gewinner: Loreen mit dem Lied „Euphoria“. Drei echte Europa-Hits.

Man darf also gespannt sein auf die endgültigen Ergebnisse, ob unser deutscher Beitrag den ESC-Sound-Mix übersteht, der dieses Jahr wieder auf uns herniederprasseln wird. Ob man sich danach noch an das Lied erinnern wird, wird die Zeit zeigen.

Ganz persönlich, ganz subjektiv: Ich will wieder mitwählen dürfen, sonst interessiert mich der deutsche Beitrag herzlich wenig bis gar nicht.

Und was wird nächstes Jahr, falls das nix wird mit "unserem" Ben? Darf ich dann wieder mitaussuchen als Zuschauer? Oder beweihräuchern sich die Damen und Herren vom Fernsehen ob ihrer Auswahl 2020 und wir bekommen jedes Jahr ein neues Liedchen vorgesetzt?

Übrigens: wir sind schon mal mit einem Lied, welches nur eine Jury ausgewählt hat auf die Schnauze gefallen. Im Jahr 1995 in Dublin, Irland, kam das Gesangsduo Stone & Stone mit „Verliebt in Dich“ zum Einsatz und landete auf den letzten Platz mit einem Punkt aus Malta.

 


eingestellt am: 28.02.2020