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39,90 - "...und werbe mich zu Tode"


Filmplakat ©Alamode

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff • 18.06.2008

Was kommt? Wer kommt? Was für ein Bestseller und wer ist der Regisseur Jan Kounen? Fragen über Fragen, die hier geklärt werden müssen. Auch für mich.

Ich habe mich immer als Cineast bezeichnet. Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich im Filmgeschäft und auch im Literaturbereich mitreden kann. In diesem Fall muss ich zugeben: "Das ging alles irgendwie an mir völlig vorbei!"

Ich habe keine Ahnung wer der Regisseur Jan Kounen ist. Seine Filme VIBROBOY, DOBERMAN oder DARSHAN – THE EMBRACE nie gehört und nie gesehen. Der französische Hauptdarsteller JEAN DUJARDIN und seine Rollen in den Filmen: COOL WAVES und OSS 117 – mir völlig unbekannt. Auch der Schriftsteller Frédéric Beigbeder und sein Weltbestsellerroman, der im Jahre 2000 alle Bestsellerlisten angeführt haben soll. Der Film war für mich also eine richtige Überraschung und macht Appetit auf mehr. Mehr Wissen über den genialen Regisseur Jan Kounen und seinem erstklassigen Hauptdarsteller Jean Dujardin. Der wohl nichts mit dem gleichnamigen berühmten Branntwein zu tun hat, der in Uerdingen am Rhein produziert wird.




Szenenfoto ©Alamode

Der Autor des Bestsellers Frédéric Beigbeder war höchstpersönlich in der schönen weiten Werbewelt zuhause gewesen. Er schrieb den Roman 39,90 (im Original 99 FRANC) als er noch in einer Werbeagentur tätig war. Nach Veröffentlichung seines Romans wurde er entlassen. Zu viele Intimitäten der Branche hatte er offen gelegt.

Wie will man einen Film beschreiben der die Werbewelt anprangert und gleichzeitig ein Werbefilm ist, der sich aller nur gängigen Werbeklischees bedient?

Um es kurz zu machen: Es geht um einen Werbetexter in einer erfolgreichen Werbeagentur. Völlig überbezahlt fühlt er sich, ist versnobt, kokst sich das Gehirn aus dem Kopf, ist bedeutend und kann so dreist sein, sich kaum vorbereitend auf die Meetings, zugekifft und zugekokst zu erscheinen und "geniale" Werbeideen zu fantasieren. Bei einem Meeting mit einem großen Kunden vergeht dem immer oben schwimmenden Werbefutzi das Lachen, denn der Kunde wünscht sich eine völlig andere Idee, als die vorgestellte. Ein Wandel beginnt. Der Werbetexter lernt eine hübsche Frau kennen, als sie schwanger wird, lässt er sie aber fallen und kommt nie darüber hinweg, dass er so ein Arschloch war. Er stürzt sich von einem Hochhaus und Schluss. Oder doch nicht. Der Film gibt gleich noch einen Schluss mit auf dem Weg und wirbt für den einen oder anderen Schluss. Das "Test-Publikum" soll am Ausgang entscheiden, welches Ende sie sich wünschen. Der zweite Schluss zeigt den Ausstieg des Werbetexters in eine nicht ganz so paradiesische Welt, aber glücklich nimmt er seine Frau mit Kind, die er nicht verlassen hat, in die Arme. Das Bild bleibt stehen und ruckzuck wird mit ein paar Veränderungen am stehenden Bild mit dem Softwareprogramm PHOTOSHOP ein Plakat für eine umweltfreundliche Ölförderungsfirma daraus. Wobei wir wieder am Anfang des Werbefilms angelangt wären.

Der Film ist wild und grotesk. Ist surreal, fantastisch und mit jeder Menge wahnwitziger Wendungen gespickt. Er ist randvoll mit Werbebotschaften und Produktplacements und will ja gerade darauf aufmerksam machen, dass unser aller Leben ohne Werbung schon gar nicht mehr auskommt. Nach einer Studie des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft geben 53 Prozent der Bevölkerung an, dass Werbung bei neuen Produkten eine wichtige Informationsfunktion hat. Und ich gehe mit dem Hauptdarsteller des Films einig, der da sagt: "Manchmal ist die Werbung besser, als der Film im Kino."

So macht der Film der die Werbewirtschaft voll aufs Korn nimmt wirklich Spaß. Allerdings gibt es auch nachdenkliches und den Zeigefinger. Zu viel koksen schadet und eine schwangere Frau sitzen lassen, macht man nicht.

Der Film erinnert in den Drogenszenen an TRAINSPOTTING von Dany Boyle, an FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS von Terry Gilliam. Ein bisschen UHRWERK ORANGE von Stanley Kubrick klingt mit, wenn im Drogenrausch zu einer nächtlichen Autofahrt, bei der einige Menschen Blut verspritzend auf der Strecke bleiben, die Musik AN DER SCHÖNEN BLAUEN DONAU gespielt wird. Bei der Auswahl der Musik bedient sich der Film auch bei der Filmmusik von 2001 von Stanley Kubrick. Filmzitate, richtig platziert, verfehlen nicht ihre Werbewirkung in diesem Film. Und es gibt noch einige andere Beispiele.

Ein herrlich frischer Werbefilm der die verdammte Werbewelt als verlogen und als höchst verführerisch entlarvt, und das mit allen Mitteln, die die schöne Scheinwelt erst zu dem machen, wie wir Verbraucher sie uns immer gewünscht haben.

Am Ende des Films wird nochmals eindringlich erklärt, dass nur 10 % aus dem gesamten weltweiten Werbevolumen von 500 Milliarden US-Dollar ausreichen würden, um den Hunger in unserer Welt zu stillen. Von der Geburt bis zu seinem 18 Lebensjahr soll der Durchschnittbürger im Schnitt schon 350.000 Werbeanzeigen konsumiert haben. Ob diese Zahlen zu einem Nachdenken oder Umdenken des einzelnen Filmzuschauers anregen wird sich zeigen. Der Film 39,90 – NEUNUNDDREISSIGNEUNZIG bleibt auf jeden Fall in Erinnerung und vielleicht achten wir mehr in Zukunft darauf, in wie weit wir Werbung an uns heranlassen und wie wir mit ihr umgehen. Oder können wir schon gar nicht ohne die Werbung auskommen?

Der Film von Jan Kounen macht Lust den Filmer und seine weiteren Arbeiten kennen zu lernen. Und wer weiß, vielleicht boomt noch einmal der Verkauf des gleichnamigen Buches, nur um zu sehen, was im Buch gegenüber dem Film anders ist.

Der Film 39,90 – NEUNUNDDREISSIGNEUNZIG wurde in der Pressevorführung im französischen Original mit deutschen Untertiteln gezeigt. Bei der rasanten Bilderflut und einem fast durch den ganzen Film hindurch französisch erzählenden Sprecher, wird schnell aus dem Filmspass eine große Kraftanstrengung. Und man kennt ja französische Filme: Viel, viel Sprache! Nicht jeder ist dem Französischen mächtig und man will sich ja auch auf die Bilder konzentrieren. Ich wünsche dem Film viel Erfolg, aber bitte, bitte bringt eine synchronisierte Fassung in die deutschen Kinos, sonst trauen sich nur eingefleischte Filmfans in diesen Film.

Der Film 39,90 – NEUNUNDDREISSIGNEUNZIG läuft am 31.07.2008 in Deutschland an.

Weitere Infos gibt es auf:
http://www.alamodefilm.de


eingestellt am: 05.07.2008