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"Die Russen kommen!

Der Anfang des Elends der starken deutschen Frauen"

ANONYMA - Eine Frau in Berlin

 

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Filmplakat © 2008 Constantin Film Verleih GmbH


Ein Tabuthema, nach 63 Jahren gebrochen, behandelt der Film "ANONYMA – EINE FRAU IN BERLIN" von Max Färberböck. Nach den Tagebüchern einer bis zu ihrem Tode unbekannten Autorin entstand dieser außergewöhnliche und schon mit dem Prädikat "besonders wertvoll" ausgezeichnete Film. Es sind die bewegenden Aufzeichnungen der Schändungen deutscher Frauen beim Einmarsch der Russen. Sie handeln vom Überleben im Berliner Eroberer- und Rachechaos des Jahres 1945.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Eine anonym bleibende Frau in Berlin schrieb Tagebücher für ihren in Russland kämpfenden und verschollenen Ehemann, falls dieser eines Tages nach Hause kommen sollte. Diese Frau in Berlin schrieb über die grausame Behandlung der Deutschen durch die Rote Armee im eroberten Deutschen Reich. Sie beschreibt Luftschutzbunkermomente, in denen Frauen und Männer gleichsam sich Frieden wünschen und sich nach den Befreiern sehnen. Die Autorin spricht von großen Ängsten der Frauen. Gerüchten zufolge kommt mit den Russen die Rache für den auf deutscher Seite begonnen Krieg. Von andauernden Vergewaltigungen ist die Rede. Nicht nur täglich mehrmals, sondern mehrere Russen nacheinander. Schlange stehen der "ausgehungerten" Kriegshelden. Demütigungen, Folter und Erschießungen waren an der Tagesordnung. Gnadenlose Willkür beherrschte das Leben im zerbombten Berlin. Wie war Überleben überhaupt noch möglich?

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Anonymas Tagebuch © 2008 Constantin Film Verleih GmbH


Eine Frau, die ANONYMA, steht für tausende anderer Frauen, die gequält und geschändet wurden, weil es die deutschen Besatzer an bestialischen Grausamkeiten im Russland-Feldzug kaum fehlen ließen. Jetzt gab man zurück, was die Zivilbevölkerung erdulden musste.

Eine Frau in Berlin beschreibt beide Seiten ausführlich. Es ist keine einseitige Opferbeschreibung, sondern sachlicher Bericht beider Seiten. Diese Frau beschreibt ihre Situation sich als Weibchen vergewaltigt zu sehen, oder sich an die "hohen Tiere" zu wenden, einen gewissen Schutz zu erlangen vor den Angriffen des übrigen russischen Soldatenvolkes. So entschließt sie sich nach einem Offizier Ausschau zu halten, einem Kommandant. Sie findet ihn und die Beiden kommen sich im Laufe der Geschichte immer näher. Noch ein Tabu. Feindanfreundung und Liebe. Zwei Feinde, die klarer ihre Positionen zu ihren Heimatländern kaum vertreten könnten. Beide von Kriegsschicksalen gezeichnet. Die Deutschen hängten seine Frau auf und ihr Mann galt als verschollen in Russland. Und doch, so etwas wie Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit finden die Beiden in ihrer Beziehung und genießen die Momente. Dafür gibt es auch gutes Essen und Trinken. Ein Überleben mit der Akzeptanz der Prostitution, mit dem großen Willen starker Frauen. Das Thema Vergewaltigung wurde kaum besprochen. Unter den Frauen reichte schon die Frage: "Wie oft?" um sich zu verständigen. Auch dies zeigt der Film deutlich.

Nach dem Krieg wurde nicht mehr über das Thema gesprochen. Zu groß war die eigene Scham. Dann kam das Wirtschaftswunder und Verdrängen war angesagt.

"ANONYMA – Eine Frau in Berlin" sind die Film gewordenen Tagebuchaufzeichnungen einer unbekannt gebliebenen Autorin, die als einzige Frau über die bis heute tabuisierten Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee am Ende des zweiten Weltkriegs berichtet hat. Das Buch erschien erstmals 1954 in den USA, in New York. Deutsche Verlage wollten von diesem Thema nichts wissen. Nach etwa einem Dutzend weiterer ausländischer Ausgaben erschien das Buch Ende der 50er Jahre auch in deutscher Sprache – und blieb weitgehend unbemerkt. Niemand wollte sich mit diesem Thema befassen. Die Zeit war noch nicht reif. Zu kurz war der Abstand.

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Anonyma (Nina Hoss) © 2008 Constantin Film Verleih GmbH


Hans Magnus Enzensberger griff das Buch wieder zu Beginn dieses Jahrhunderts auf und veröffentlichte es in seiner "Anderen Bibliothek". Das Buch kam auf die Bestsellerlisten. Erneute Veröffentlichungen in zahlreichen Ländern waren die Folge.

Ein beeindruckender und bedrückender Film ist entstanden und trifft mit voller Wucht und Härte ins Herz. Grandiose Schauspielerinnen, an denen das Leid Tausender abgelesen werden kann, geben dem Film die intensive Tiefe. Allen voran glänzt Nina Hoss in ihrer Rolle der Anonyma. Der Film ist bis in die kleinsten Rollen perfekt besetzt. Das Spiel der großen Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann als "die Witwe" beschert noch einmal großes Filmvergnügen. Auch stark die Rollen der Russen. Hier sei einer von den vielen Guten genannt: der Schauspieler Evgeny Sidikhin. Sein Spiel gleicht dem Hans Albers oder Curt Jürgens - wunderbar zurückgenommen und gleichzeitig so intensiv.

Ein Film der ein Tabu ins Bewusstsein bringt und für Diskussionsstoff sorgen wird. Endlich. Es wird Zeit.

Der Film ANONYMA – EINE FRAU IN BERLIN läuft am Donnerstag, den 23.10.2008
in Deutschland an.

Weitere Infos gibt es auf den offiziellen Seiten des Films:
http://www.anonyma.film.de/