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Foto © Ulli Weiss

 

"Über die Liebe"

NELKEN – Ein Stück von Pina Bausch
Neueinstudierung im Opernhaus Wuppertal – 03-11-2013

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Die Bühne ist dicht an dicht gespickt mit rosa Kunstnelken. Zu Beginn bewegen sich die Tänzer und Tänzerinnen nur langsam durch das Blütenmeer, um keine der zarten Gewächse zu zertreten. Im Laufe des Stückes wird es noch wild zugehen und die Kunstnelken werden am Boden liegen.

Das Nelkenfeld sieht so frisch, so fröhlich aus. Fast meint man den Duft der Nelken riechen zu können. Später werden drei schwarze Schäferhunde auf die Bühne geführt und sie bewachen das Feld mit lautem Bellen. Die zuckersüße Fassade wird zur gefährlichen Landschaft. Ein Blütenmeer das geschützt und behütet sein will?

Pina Bauschs Stück NELKEN ist wie eine Welle inszeniert. Es fängt behutsam an, eine leichte Woge, dann aber bricht die Naturgewalt über den Zuschauer herein, um zum Ende behutsam wieder auszugleiten.

Alle Ensemblemitglieder stellen sich einen Stuhl ins Nelkenfeld, dazu erklingt das Lied „Schön ist die Welt, wenn das Glück dir ein Märchen erzählt“ von Richard Tauber. Doch hinter der schönen ungetrübten Stimmung stecken Ängste und Sorgen, Unfähigkeit zur Liebe und Unterdrückung.

Es beginnt fast lautlos. Ein Mann und eine Frau kommen mit kleinen Eimern und Schippe auf die Bühne und überschütten sich selbst mit Erde. Das wirkt wie eine Beerdigungszeremonie. Oder wollen sie nicht mehr da sein, sich selbst begraben?

NELKEN ist ein Stück über die Liebe, ihre Formen und Schattierungen, über Zärtlichkeiten, die gegeben werden, verlangt werden, gebraucht werden. Es handelt aber auch von Enttäuschungen und dem Frust mit diesen Enttäuschungen zu leben. Von unerfüllter Liebe und Sehnsüchten.

Fragen- und Aufgaben-Auswahl aus den Proben (lt. Programmheft):
Etwas über Eure erste Liebe / Wie habt Ihr Euch als Kind die Liebe vorgestellt? / Zwei Sätze über die Liebe / Wie stellt Ihr Euch die Liebe vor? / Wenn Euch jemand zur Liebe zwingen will – wie reagiert Ihr da? / Stichwort: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst / Noch einmal einen kleinen Beitrag zum Thema Liebe

NELKEN ist auch ein Stück über die Sprachlosigkeit der Menschen, wenn es um ihre Gefühle geht. Da wird Gebärdensprache eines Tänzers zu einem ganzen Roman, wenn er das Lied „Someday he’ll come along the man I love“ in Gesten den Zuschauern übersetzt.

Und wenn die innere Leere keine Geste mehr hat, muss ein Tänzer für einen anderen die Handbewegungen vollbringen, denn er selbst ist zu nichts mehr fähig. Wie eine Puppe wird er vorgeführt, seine Gefühle vorgeführt.

Eine Frau nur mit Unterhose, Stöckelschuhen und einem Akkordeon, zeigt die vier Jahreszeiten in Gebärdensprache. Es folgt einer der schönsten Schreittänze aus den Bauschstücken mit diesen vier Gebärdengesten. Die Tänzer und Tänzerinnen schreiten hintereinander her über die Bühne.

 


Foto © Ulli Weiss

 

Nach und nach tauschen die Tänzer ihre uniformen Anzüge mit luftigen Kleidchen und tollen umher. Drei Männer fassen sich an die Hände und gehen im Ringelrein. Sie empfehlen wenn gestritten wird, auf sensibel oder depremiert zu machen und alle wertvollen Gegenstände wegzuräumen. Einem Tänzer wird immer nur schlecht.

Es sind die kleinen und großen Machtspiele, wenn heiteres Treiben plötzlich von einem Herrn im schwarzen Anzug unterbrochen wird, und er von den Tänzern die Pässe verlangt. Der Herr kontrolliert lange und ausdauernd. Er befiehlt einem Tänzer sich wieder ordentlich anzuziehen, soll heißen: Raus aus dem niedlichen Kleidchen, hinein in den Anzug, den ein Mann zu tragen hat. Der Kontrolleur verlangt von dem Tänzer eine Ziege, ein Papagei oder ein Hund zu sein und lässt ihn auf allen Vieren über die Bühne laufen, bis der Kontrolleur den Tänzer wieder frei gibt. Immer mal wieder kommt dieser Kontrolleur und unterbricht das heitere Spiel.

Eine Tänzerin klagt ihr Leid, als Kind geweint zu haben, sie konnte sich nicht beruhigen und die Mutter schrie das Kind an, sie solle doch aufhören.
Es werden Kinderspiele nachgespielt und der Zuschauer spürt, welche Gefahr und Rangeleien um die Macht, sich in diesen Spielen verstecken. Wenn Erwachsene dann diese Spiele spielen, kommt das einem fast-„Krieg“ nahe.

Anerzogenes aus der Kindheit wird vorgeführt, gebrochen und neudefiniert. Erlerntes und Angewöhntes auf den Prüfstand gehoben und analysiert.

Und dann bricht das reinste Chaos aus. Ein furioses Durcheinander beginnt. Stühle werden auf die Bühne geschleppt auf denen Tanzbewegungen gemacht werden. Alle Tänzer und Tänzerinnen in der gleichen Bewegungen. Vier Stuntmen bauen in der Zwischenzeit aus Pappkartons zwei Quader auf. Der Platz den die großen Kartons den Tänzern auf der Bühne nehmen, wird immer enger. Es wird immer hektischer hin- und hergelaufen, um ein Plätzchen in dem scheinbaren Durcheinander zu finden, um weitertanzen zu können. Eine Tänzerin schreit immer wieder die Stunt-Männer an, sie sollen von ihrem Tuen ablassen. Sie hat Angst, sie will nicht das etwas passiert. Aber dann passiert es eben doch: Die vier Stunt-Männer klettern hohe Gestelle hinauf und aus ca. 5 Meter Höhe springen sie in die Kartonquader.

Alle Ensemblemitglieder schleudern beim Stuhltanz immer wieder Sätze ins Publikum. Phrasen über die Liebe und die Frage ob die Zuschauer noch immer nicht zu frieden sind? Dazu spielt laute Musik. Das Tanztheater stellt sich selbst in Frage.

Das Chaos beruhigt sich allmählich wieder. Es wird leise auf der Bühne. Ein Tänzer hackt neben einem Wahrsagerautomat Zwiebeln. Ein anderer Tänzer erscheint, reibt und drückt die Zwiebeln in sein Gesicht bis er weinen muss. Dem folgen noch weitere Tänzer und zeigen sich so dem Publikum. Echte Tränen fließen, künstlich erzeugt, wo der einzelne nicht mehr weinen kann?

Dann müssen die Zuschauer aufstehen und die Tänzer und Tänzerinnen gehen ins Publikum und umarmen mit einer vorgemachten Armchoreografie die Zuschauer, die in vorderster Reihe und an den Rändern stehen. Das wirkt wie eine Tröstung, wie eine kleine Geste der Zärtlichkeit von Tänzer zum Zuschauer. Wie ein Danke sagen: „Wie schön, das Sie heute abend da waren“

Zum Ende kommen alle Tänzer und Tänzerinnen mit hochgestreckten Armen auf die Bühne. Erzählen dabei wie sie Tänzer geworden sind, was sie bewegt hat, die Tanzkarriere einzuschlagen und sie gruppieren sich zum Schlussbild.

 


Foto © Maarten Vanden-Abeele

 

Aber wo sind die „alten Hasen“ des Ensembles, an die sich die erfahrenen Zuschauer erinnern? Schmerzlich vermisst man jene Tänzer und Tänzerinnen, die schon seit Pina Bauschs Anfängen in Wuppertal dabei waren? Barbara Hampel, Urs Kaufmann, Dominique Mercy, Jan Minarik, Helena Pikon und vor allem Herrn Professor Lutz Förster, der jetzt nicht mehr auf der NELKEN-Bühne steht, um seine Gebärdensprachen-Übersetzung eines Liedes zu absolvieren. Der Lutz Förster, der hoffentlich NICHT NUR NOCH die Künstlerische Leitung hinter den Kulissen übernommen hat. Seine geradezu aristokratisch-elegante Ausstrahlung machten seine Rollen immer zu ganz eigenen Erlebnissen. Genauso wie der „traurige Clown“ des Bausch-Ensembles Dominique Mercy, der immer würdevoll, seine oftmals humoresk angelegten Tanzparts inne hatte. Oder die zerbrechlich wirkende hochgewachsene Helena Pikon. Alles Gesichter, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben. Dank sei Pina Bausch, konnten wir doch ein Stück weit in diese Persönlichkeiten in den Bausch-Stücken eintauchen, sie kennen- und lieben lernen.

Die neuen Tänzer müssen sich noch profilieren. Müssen sich noch selbst finden, sich erarbeiten, in den vorgefertigten Stücken und Rollen der Choreografin Pina Bausch.
Eine Übernahme einer Rolle aus den Bausch-Werken gestaltet sich schwierig, weil diese Rollen aus anderen Persönlichkeiten entstanden sind und nur den neuen Tänzern und Tänzerinnen übergestülpt werden. Das ist zwar im im Schauspiel üblich, aber da ist schon der Rollenansatz ein ganz anderer. Die Schauspieler lernen ihre Texte vom Autor. Bei Pina Bausch entwickelten die Tänzer und Tänzerinnen ganz individuell ihre eigenen Rollen. Bei Pina Bausch konnten sich Persönlichkeiten entfalten und die Rollen bekamen durch diese Persönlichkeiten ihren unverwechselbaren Charakter.
Das neue Sehen gilt gerade für Zuschauer, die schon vor Jahren die älteren Bausch-Werke gesehen haben.
Man muss sich also auf viele neue Gesichter und Charaktere einlassen. Junge Zuschauer oder Zuschauer, die jetzt erst anfangen das umfangreiche Werk der Pina Bausch zu entdecken, werden sich an solchen „Kleinigkeiten“ kaum stören, da sie noch nicht die Bausch-Erfahrungen des Immer-mal-wieder-Sehens gemacht haben. Diese Zuschauer werden dann in 20 Jahren bei neuen Gesichtern bestimmt ähnliche Erfahrungen machen.

 


Foto © Walter Lindenberg

 

Auch das Programmheft hat eine Runderneuerung erfahren. Es trumpft auf mit wunderschönen Bildern aus dem Stück und macht es erfahrbarer als das alte Programm. Obwohl auch ältere Bilder mit den Mitgliedern der ersten Stunde dabei sind.

Zum Ende des NELKEN-Stückes: Rasender Applaus, Bravorufe und stehende Ovation sind der Dank der Zuschauer für das hervorragende Tanztheaterensemble und für das außerordentliche, manchmal surreal anmutende Stück NELKEN von Pina Bausch.

Leider gibt es keine weiteren NELKEN-Aufführungen in Wuppertal. Dafür aber viele Neueinstudierungen und Wiederaufführungen im Rahmen des 40jährigen Jubiläums PINA40. Unbedingt ansehen!

 

Männer in Frauenkleidern tanzen/ Jan, Urs und Lutz gehen im Ringelrein und sagen wie sie mit "schlimmen" Situationen fertig werden, einer macht auf sensibel oder deprimiert, Jan wird es schlecht/  alle machen gleiche Bewegung auf Stühlen, einmal vorne einmal hinten auf der Bühne, zur gleichen Zeit bauen die Stuntmänner Kartons auf in die sie später aus 5 Metern höhe springen werden, eine Frau will das nicht und schreit ängstlich/ Lutz übersetzt in Gebärdensprache ein Lied/ alle schreiten mit Gebärdensprache "Frühling - Sommer - Herbst und Winter" hintereinander über die Bühne/ Jan hackt Zwiebeln, Männer reiben sich die Zwiebelstückchen ins Gesicht und sehen verheult aus/ Frauen tanzen auf gebeugt auf Tischen, Lutz kommt alle Frauen verkriechen sich unter die Tische und tanzen wieder gebeugt, Lutz tanzt auf Tisch/ Schäferhunde werden von den Stuntmännern geführt und bellen/ Tänzer-innen führen Leute aus dem Publikum nach draußen dann wieder auf ihre Plätze/ Tänzer-innen gehen ins Publikum und umarmen nach einer Arm-Choreographie einzelne Leute aus dem Publikum, ich umarme Aida Vainieri/ Lutz sagt: "So das ist Frau Vainieri, sie wird den weiteren Abend bestreiten, sie ist noch frisch. Das tut ihnen gut und mir. Sie gähnen schon und mir tun die Füße weh."/  Jan hält Mikrofon an die Brust von Tänzer-innen und man hört deren Herzschlag/ alle hüpfen wie Hasen durch die Nelken, Jan verfolgt sie/ Jan fordert einzelne auf ihren Paß zu geben, Dominike soll sich passendere Kleidung anziehen, war im Kleidchen und zieht dann einen Anzug an/ Stuntmänner lassen sich nach der Reihe auf einen Tisch fallen, demgegenüber sitzt eine Frau und hat Angst dieser Darbietung beiwohnen zu müssen, sie schreit, die Stuntmänner rücken den Tisch immer näher an die Frau heran, bis kurz vor ihre Nase/ alle spielen "Eins - zwei - drei - stillstehen" (Un-De-Troi-Soleil) wobei immer die zurückmüssen, die der "Seher", wenn er sich umdreht bewegen sieht, erst alle gegen einen, dann einer gegen alle/ Mann kriecht und Kleid von Frau und hebt sie auf die Schulter, es sieht aus als ob die Männerbeine zu der Frau gehören/ zum Schlussbild halten alle ihre Arme graziös nach oben und erzählen warum sie zum Tanz gekommen sind, z.B.: "Zufall. - Weil ich nicht zum Militär wollte. - Ich hatte einen Unfall. - Weil ich in einen Tänzer verliebt war."/ Jan kommt wie eine Zigeunerin als letzter zum Schlussbild///

 


Weitere Aufführungen in Wuppertal finden Sie hier:

http://www.pina40.de/pina40/programm.php?we_ui_pina40_Kategorie=cat01


Gesamtprogramm mit Aufführungen, Ausstellungen, Konzerten, Filmen und Gesprächen sind unter folgendem Link zu finden:

http://www.pina40.de

 

Nelken - Ein Stück von Pina Bausch from Tanztheater Wuppertal on Vimeo.  

 

Inszenierung und Choreographie: Pina Bausch
Bühne: Peter Pabst
Kostüme: Marion Cito
Dramaturgie: Raimund Hoghe
Musikalische Mitarbeit: Matthias Burkert
Mitarbeit: Hans Pop
Dauer 1h 50min

Künstlerische Leitung: Lutz Förster

Probenleitung und
Mitarbeit Wiederaufnahme: Benedicte Billiet,
Barbara Kaufmann, Dominique Mercy



Musik: Franz Schubert, George Gershwin, Franz Lehar, Louis Armstrong, Henry Mancini, brasilianische Märsche...

Uraufführung: 1. Fassung am 30. Dezember 1982, Opernhaus Wuppertal;
Uraufführung: 2. Fassung am 16. Mai 1983, Zelt im Englischen Garten, München

Besetzung der Uraufführung 1982:
Jakob Andersen, Anne Marie Benati, Benedicte Billiet, Matthias Burkert, Lutz Förster, Kyomi lchida, Urs Kaufmann, Silvia Kesselheim, Ed Kortlandt, Anne Martin, Dominique Mercy, Jan Minarik, Nazareth Panadero, Helena Pikon, Hans Pop, Jean-Laurent Sasportes, Janusz Subicz, Francis Viet, Stuntmen (Besetzung am 30. Dezember 1982)

Aktuelle Besetzung der Neueinstudierung 2013:
Ruth Amarante / Silvia Farias Heredia, Regina Advento, Pablo
Aran Gimeno, Andrey Berezin, Aleš Čuček, Scott Jennings, Nayoung
Kim, Daphnis Kokkinos, Eddie Martinez, Thusnelda Mercy, Cristiana
Morganti, Franko Schmidt, Julie Shanahan, Julie Anne Stanzak,
Michael Strecker, Fernando Suels Mendoza, Aida Vainieri, Anna
Wehsarg, Paul White, Tsai-Chin Yu, Mac Steinmeier, Jurgen Klein,
Bodo Haack / Michael Mohr, Hendrik Mohr / Jürgen Sücker

Gastspiele/Tourneen:
1983 München, Avignon, Mailand 1988 New York 1989 Moskau, Paris Japan-Tournee: Tokyo, Osaka, Kyoto, Yokohama; Leipzig 1990 Rovereto, Paris, Straßburg 1991 Antwerpen, Caesarea 1992 Athen 1993 Wien 1994 Indien-Tournee: New Delhi, Calcutta, Madras, Bombay, Mexico City 1995 Amsterdam, Edinburgh, Rom, Budapest 1996 Düsseldorf, Kopenhagen 1997 Taipeh, Frankfurt, Rio de Janeiro 1998 Madrid, Warschau 1999 Los Angeles, Berkeley, Tempe, Austin 2000 Hamburg, Seoul 2005 Lissabon, Salzburg, London

 


eingestellt am: 05.11.2013